Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 39/2006

Albumcover

Dr. Octagon
The Return Of...

Kool Keith ist eine Legende, in jeglicher Beleuchtung des Wortes, im guten und im schlechten Sinne. Er schrieb Old-School Geschichte mit seiner ersten Combo, den Ultramagnatic MC´s und hat sich über die Jahre ein Independent-Imperium aufgebaut, dass ihm erlaubt in allen Richtungen musikalischer Art und mit jeglichen Künstlern zu arbeiten. Genauere Untersuchungen zu seiner Person sollten vorher gut bedacht und überlegt sein, denn je tiefer man in das man in das Universum von Keith Thornton aka Kool Keith aka Dr. Ultra aka noch etwa dreißig andere Pseudonyme, vordringt, desto mehr findet man sich in einem Netz der Geschichten widersprüchlicher Art und mystischer Verstrickungen wieder und läuft Gefahr danach genau so schlau zu sein wie vorher.

Jetzt also wieder "Dr. Octagon". Und dann auch noch die „The Return Of“. Lang hatten sich Kritiker und Hardcore-Fans diese Rückkehr gewünscht, wurde doch bisher angenommen, der Koole Keith würde nie wieder ein "Dr. Octagon" Album machen. Im Intro seines „Dr. Dooom“ Albums hatte er noch persönlich "Dr. Octagon" für tot erklärt.
Und wieder ranken sich auch um diese Veröffentlichung die Geschichten und wieder gibt es Gerüchte, dieses Album wäre kein offizielles, Kool Keith hätte sich davon distanziert und das echte Album „The Real Return Of Dr. Octagon“ erscheine erst in ein paar Monaten.

Schenken wir aber statt der Mystik der Musik Glauben und betrachten wir das Album. Im Gegensatz zu Klassiker „Dr. Octagonecologyst“ hat Dan the Automator diesmal nicht die Produzentenfäden in der Hand, stattdessen zeichnet sich ein ominöses belgisches Producer Trio namens One Watt Sun für die Beats verantwortlich. Teile des Albums sollen in Belgien, Melbourne und Berlin entstanden sein. Der erste Track beginnt dann in der Tat auch ziemlich ungewöhnlich. Mit einer äußerst tanzbaren Nummer erhält das Album gleich die Note die das gesamte Werk durchzieht: Synthesizer treffen auf funky Gitarren - insgesamt klingt alles sehr klar und druckvoll, mehr als das bei Keiths letzten Alben der Fall war, was aber in diesem nicht wirklich aussagekräftig ist, weil man wie gesagt besser fährt, betrachtet man Thortons Gesamtwerk besser als einzelne Teile und jede Person als eigenständig.

"Dr. Octagon" ist hier also wieder mehr als experimentierfreudig und bestätigt das einzig wirklich ernstzunehmende Zitat von Thorton, „niemals zurück zu schauen, sondern immer in die Zukunft“. Also wieder zurück zum Album. Überhaupt sind die ersten drei Tracks als eine Art Dreiteiler zu sehen „Trees“ „Aliens“ und „Ants“ (feat. Dj Dexter) sind die gekonnte, subversive Betrachtung amerikanischer Konformität, auf sozialer, gesellschaftlicher, ja sogar militärischer Ebene. Wie immer erreicht der „Black Elvis“ dabei einen so hohen Grad an Subversivität, dass man besser daran tut, sich einfach von seinen Rap-Fetzen treiben zu lassen, als übertrieben nach einem höheren Sinn der Worte zu forschen. Man fragt seinen Arzt ja auch nicht nach der Motivation seiner Behandlungsweise. Oder doch? Wer sucht denn hier nach einer „Perfect World“? Zur Mitte hin wird es dann, man ist es ja gewohnt, noch abstruser. Oder warum wollen alle wie Al Green sein, oder warum fährt ein Gorilla einen Pick up Track?

Kool Keith ist immer als Teil der amerikanischen Gesellschaft zu sehen, sein Aussenseiter/Independent-Status erlaubt es ihm, diese mit aller Schärfe zu verurteilen, zu beschimpfen, zu verhöhnen und dabei immer den Punkt zu treffen. Die Zusammenarbeit mit anderen Prozenten, und mögen es wirklich Belgier sein, ist frisch und zeugt von einem "Dr. Octagon", der mit offenen Augen durch die Welt geht. Rein amerikanischer HipHop ist, nach Alben von „Little Brother“ und „Nicolay“ im Moment sowieso nur noch partiell anwesend. Guter HipHop probiert sich aus und wird global. Und selbst, wenn es doch kein offizielles „Dr. Octagon“ - Album wäre, wäre es ein sehr hörenswertes. (Christian Düchtel / hochschulradio düsseldorf 97,1)

VÖ: 15.09.2006

Künstler: http://www.myspace.com/koolkeith | Label: http://www.funkyassrecords.com |
Trittbrettfahrer, der behauptet, dieses Album gemacht zu haben: http://www.fanatikj.com

Anspieltipps

  • "Ants", 4
  • "Aliens", 3
  • "Trees", 2
  • "Perfect World", 6
  • "A Gorilla Is Driving A Pickup Truck", 9

Archiv aller Silberlinge

radiobar