Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 02/2010

Albumcover

Downtown Harvest
Discovering Dinosaurs

Auf Genrekonventionen zu scheißen ist ja schon lange nichts mehr Neues, sondern ein alter Hut, der oft auch als Hinweis dafür interpretiert wird, dass einer Band kaum noch was innovatives einfallen möchte: "Nehmen wir ein bißchen hiervon, und ja, unbedingt auch hiervon, auf diesen Sound fahren doch grad alle voll ab, und dann wird’s schon was mit dem Hit."

Dieses Formeldenken ist ganz bestimmt nicht der Antrieb von Downtown Harvest, liebevoll einfach nur „The Harvest“ (Die Ernte) genannt. Das 2002 in der Highschool gegründete Quartett aus Philadelphia hat vielmehr keine Lust, sich von anderen, schon garnicht von autoritären Plattenbossen und ähnlichen zwielichtigen Gestalten, limitieren zu lassen und mischt auf eine schon fast verstörende Art und Weise das Beste aus ihren Lieblingsmusiken zusammen. Dadurch entsteht zwar nicht unbedingt was vollkommen neues, also keine neue trendy Musikrichtung, aber etwas ungewöhnlich seltenes, dass erst einmal verdaut werden möchte.

Doch erstmal mussten die vier in die Uni, hatten sich jedoch auf Anhieb so gut verstanden, dass sie sich darauf geeinigt hatten, an dem Bandprojekt unbedingt festzuhalten. 2006 schließlich hatten allesamt die Universität mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen und seitdem weit über 400 Konzerte in allen möglichen Ecken der USA gegeben. So mauserten sich Downtown Harvest zum Geheimtipp in Philadelphia, auch dank der Campusradios der Region, die es nicht versäumten die Band durch reichlich Airplay zu weiterem Ruhm zu verhelfen. Und auch der erst vor kurzem gewonnene Musikvideo-Contest, der von einem bekannten Parfümhersteller ausgeschrieben war, wird mit großer Sicherheit sein Übriges in Sachen Bekanntheitsgrad tun.

Denn wenn man sich in einem einzigen Lied schon an Frank Zappa, Klaxons, James Chance, Jean-Michel Jarre, Sly Stone, The Stooges, Fleet Foxes und Lagwagon erinnert fühlt, und es nicht grauenhaft klingt, dann muss schon was Besonderes dran sein. So etwas kann man schlecht ignorieren. Die bandeigene Beschreibung ihrer Musik ist signifikant und ausnahmsweise keine bloßes wichtigtuerisches Namedropping: "neo pop, big beat aggressive slam rock, tornado alley funk, and traces of hip-hop all infused with a new wave synth grunge sound". Das mit dem Hiphop ist auf „Discovering Dinosaurs“ zwar inzwischen so gut wie garnicht mehr der Fall, wer aber die Band rappen hören möchte, der führe sich bitte „Killer Queen Be“ vom letzten Album „Golden Dragon“ aus dem Jahr 2007 zu Gemüte.

Die reiche Instrumentierung der Mitglieder Larry Thomas Moore, C. Dubbs, Tyrannosaurus Frank und B.O.B. spricht ebensolche Bände wie die eben zitierte Beschreibung der Musik von Downtown Harvest: Gitarren, Bass und Schlagzeug sind natürlich der Standard, aber dazu gesellen sich noch Keyboards, Synthesizer und sonstige Tasteninstrumente, Saxophon, Drum-Machine, Tambourine, handelsübliche Töpfe und noch viel mehr Perkussionsinstrumente und nicht weiter definierte "Helikopter". Mindestens jetzt muss man neugierig auf ihre Musik geworden sein.

Diese Herangehensweise an das Songwriting zieht sich durch das gesamte Album, das inzwischen dritte der Band, das sie "Discovering Dinosaurs" getauft haben. Jeder einzelne der neun Songs auf dem Album ist gespickt von Breaks, musikalischen wie rhythmischen. Diese können zwar einerseits für viel Verwirrung sorgen und den einen oder anderen Hörer mit Sicherheit vershmähen, andererseits haftet den Stücken ein hohes Suchtpotential an, das den Hörer, der nicht gleich wieder abschaltet, auch nicht so schnell wieder loslassen. Bei jedem Hören entdeckt der geneigte (und hierfür leider bitter nötig: musikalisch erfahrene) Musikfreund immer wieder etwas neues. Es wird so dreist zitiert, rezitiert, geklaut aber auch weiterentwickelt und zu Ende gedacht, das es eine wahrlich Freude ist und man deswegen auch immer wieder darüber schmunzeln muss. Downtown Harvest mag zwar Mucke für Musiknerds sein, doch auch jeder andere (belastbare) Musikfreund wird viel Spaß mit dieser Platte haben. (Pat Cavaleiro, hochschulradio)

PS: Das Album ist derzeit nur als Download z.b. via iTunes verfügbar

Band: www.downtownharvest.com

Anspieltipps

  • Cherry Maha
  • Anita Leave
  • Rekonize (New Plans)
  • Shimmy
  • Balboa

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