Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2009

Albumcover

Doves
Kingdom Of Rust

Etwas ist faul im Staate England: Über Jahre hinweg war es Standard, das europäische Festland mit Wellen von unzähligen, neuen Indie-Bands zu überschwemmen, offensichtlich in der Hoffnung, dass zumindest eine davon nicht direkt nach dem Abebben des ersten Hypes im Meer ertrinkt. Im Jahr 2008 waren es hingegen vor allem alte Seebären wie The Cure oder Oasis, die mit ihren robusten Kähnen zwischen den Ufern der Kontinente verkehrten. Und selbst für langjährige erste Offiziere wie Elbow waren die Häfen, Augen und Ohren der ganzen Welt plötzlich offen wie niemals zuvor. Die perfekte Gelegenheit also für eine weitere alteingesessene englische Band nochmals in See zu stechen - Doves.

Deren Mitglieder Jimi Goodwin sowie die Zwillinge Jez und Andy Williams sind bereits seit Beginn der 90er Jahre ein fester Bestandteil der Musikszene Manchesters: Zuerst als Dance-Act Sub Sub, der mit dem Song "Ain´t No Love (Ain´t No Use)" einen halben Hit landete, und seit 1998 eben als Indierock-Band Doves. Unter diesem Namen erschienen dann zwischen 2000 und 2005 drei reguläre Studioalben, die von der Fachpresse zwar größtenteils hoch gelobt wurden (allen voran das wunderbare „The Last Broadcast“), an der breiten Öffentlichkeit jedoch weitestgehend unbemerkt vorbeigingen. Mit dem neuesten Werk "Kingdom Of Rust" soll sich dies nun aber endgültig ändern, zumal die anachronistische Basis „Britpop“ zu eher zeitlosem Gitarrenpop aktualisiert wurde.

Doch anders als bei den meisten modernen Bands von der Insel, geht es bei Doves nicht um – inzwischen auch nicht mehr so trendige - schnelle Akkord-Wechsel, leiernden Gesang oder extravaganten Kleidungsstil. Mal ehrlich: Nur eine Band, die schon so lange dabei ist wie Doves, hat den Mut einen Song wie "Kingdom Of Rust" als erste Single zu veröffentlichen; eine bedächtige Hymne über die langsam verrostende Industriestadt Manchester, die Heimat der drei Mitglieder. Doch nicht nur die eigene wohnliche Umgebung hat Spuren in den Leben der Doves hinterlassen, sondern auch ihre eigene Geschichte. So befinden sich auf dem aktuellen Werk wieder sämige Popmelodien, ausladende Atmosphären und behutsam ausgepolsterte Arrangements. Selbst ein vor Bass nur so wummernder Song wie "Compulsion" wirkt dabei zwischen all den melodischen Balladen nicht deplatziert. Oder nehmen wir ein Stück wie das finale "Lifelines", das ruhig beginnt, dann langsam an Tempo gewinnt, nur um in der Mitte wieder auf das Minimum heruntergebrochen zu werden und neu zu beginnen. Und wem nach den vorherigen zehn Liedern nicht schon längst klar war, dass wir es hier mit einer Band zu tun haben, die sich und ihren Werken Zeit zur Entfaltung lässt, dem wird es spätestens zum Ende hin bewusst.

"Leave the things you don´t need / and the ones that you don´t love" heißt es im Opener "Jetstream", und man tendiert dazu daran zu glauben, dass eben dieser Verzicht auf Kompromisse und die Aufrichtigkeit der Doves die einzigen Gründe dafür sind, warum die Band bisher lediglich als Vorband in den großen Stadien dieser Welt spielte. "Jetstream" ist übrigens neben dem bereits genannten "Compulsion" einer von zwei Songs, die nicht von Frontmann Jimi Goodwill, sondern von Gitarrist Jez Williams gesungen werden. Das ist allerdings nicht nur ein bandinternes Zugeständnis, um eine Illusion von Gleichberechtigung zu erzeugen (siehe das vorherige Zitat!), sondern schlicht und ergreifend einfach passend. Williams´ zerbrechliche Stimme ist die perfekte Abwechslung zu Goodwills selbstsicherem Gesang und sorgt an den richtigen Stellen für das gewisse Etwas. Vielleicht ist es der hohe Grad an Beständigkeit?

Die Welt um sie herum scheint also langsam zu rosten, doch die Musik der Doves glänzt wie eh und je. Eben tatsächlich die perfekte Gelegenheit, sich noch mal der rauen See zu stellen und auf den Wellen davon zu reiten, während andere jämmerlich absaufen. Gute Reise, Doves! (Matthias Holz, CT das radio)

VÖ: 03.04.2009

Band: http://www.doves.net | Label: http://www.heavenly100.com/

Anspieltipps

  • The Greatest Denier, #06
  • Winter Hill, #04
  • Compulsion, #09
  • Kingdom of Rust, #2
  • Lifelines, #11

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