Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 20/2009

Albumcover

DJ Vadim
U Can't Lurn Imaginashun

Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht lernen. Klar, wer heutzutage Musik machen will, der muss kein Instrument mehr beherrschen. Noten lesen, Quintenzirkel? Alles überflüssig. Im digitalen Zeitalter wird das nötige Basiswissen nicht mehr benötigt, intuitiv bedienbare Programme machen es heute so einfach wie noch nie, selber Musik zu machen. Das ist jedoch Segen und Fluch zugleich, das sollte jedem schnell klar sein, der sich durch die Masse an Akustikverbrechen wühlen muss, die Tag für Tag so veröffentlicht werden. Um gute Musik zu machen, bedarf es eben mehr als nur funktionierender Technik. Die ist schließlich nur Mittel zum Zweck. Die Kreativität aber, die Vorstellungsgabe, die Fantasie und das Visionäre, die sind nicht käuflich zu erwerben. Die können auch nicht gelernt werden. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. So einfach ist das.

DJ Vadim hat dieses Prinzip erkannt und für sein neues Album in eine einfache Formel gepackt: „U Can’t Lurn Imaginashun“ heißt die Platte, und wenn man so einer wie Vadim ist, kann man so ein Statement auch einfach mal raushauen. Denn mit eben diesem Talent - der Kraft der Fantasie, dem Ideenreichtum und der Vorstellungsgabe - ist er, in musikalischer Hinsicht, reichlich gesegnet. Wer seine bisherigen Projekte kennt, wird das ohne zu zögern unterschreiben, wer dem gebürtigen Petersburger und seinem neuen Album hingegen jungfräulich begegnet, braucht höchstens die 70 Minuten Spielzeit der Platte, um sich davon zu überzeugen.

„U Can’t Lurn Imaginashun“ ist ein typisches Vadim-Album geworden, eine Platte wie ein bunter Flickenteppich, ein wilder, eklektischer Ritt durch die musikalischen Einflusssphären des Kosmopoliten. Der Mann ist überall zuhause, hat überall seine Finger drin und kennt die ganze Welt – klar, dass sich das auch in seiner Musik niederschlägt. Doch nie war Vadim so vielseitig wie auf dieser Platte. Es ist ein Album, das mit spielerischer Leichtigkeit dubgeschwängerten Reggae, knochentrockenen Funk, knackige Hip Hop-Beats und zuckersüße Soulnummern zu einem schlüssigen Ganzen vermählt und bei aller Diversität dabei so rund erscheint, dass es einem gar nicht auffällt, dass es hier gerade stiltechnisch drunter und drüber geht. Dabei geht der Opener „Soldier“ noch deutlich in die Roots-Ecke und gibt damit scheinbar den Spatzen Recht, die es vor VÖ dieser Platte von den Dächern pfiffen: „Vadim macht ne Reggae-Platte!“ Doch schon die einsetzende Bassline macht klar, dass hier zwar auf Offbeat-Traditionen verwiesen wird, das Ganze aber mit einem klar vorwärts gerichteten Anstrich versehen ist. Spätestens die Raps von Big Red untermauern diesen Eindruck: hier ist einer am Werk, der auf Grenzen, Genres und puristische Herangehensweisen pfeift. Schubladen sind bei Vadim dazu da, so weit wie möglich herausgezogen zu werden, um sich jederzeit aus jeder Lade das Beste nehmen zu können. Und so geht das die ganze Platte über. Track Nummer zwei („R3 Imaginashun“) ist ein instrumentales Monster aus Hip Hop und Dub, auf dem sich Vadim in allen Frequenzbereichen ordentlich austobt – spaciges Fiepen, tiefe Knarzbässe, Roboterstimmen und eingestreute Vokalsamples kommen zum Einsatz, bevor sich „That Lite“ ehrfürchtig in Richtung Motown verneigt und mit Soulsamples und Streichern als klassische Hip Hop-Nummer im Geiste der goldenen 90er Jahre daherkommt. Vom Dub keine Spur mehr.

Der reduzierte Post-Funk von „Thrill Seeker“ suggeriert dann noch eine Fortsetzung des eingeschlagenen Kurses, doch spätestens beim spacigen „Strictly Rockers“ muss der Hörer sein Urteil abermals revidieren. Hier greift Vadim wieder auf den Outer-Space-Groove vom Anfang zurück und führt diese Geschichte weiter. Überhaupt scheint sich das Album auf mehreren Erzählebenen gleichzeitig abzuspielen, zwischen denen Vadim beliebig hin und her switchen kann. Das holprige Vokalsample von „Maximum“ und der einsetzende, leicht verstolperte Beat eröffnen das Feld für die Franzosen von La Methode, die hier deutliche Erinnerungen an die legendäre Saian Supa Crew wach werden lassen; bei „Saturday“ jagt Vadim seine Stimme und die Rapparts von Pugs Atomz durch den Vocoder und zieht damit den akustischen Hut vorm Produzentenkollegen Kanye West, während der Beat deutlich in Richtung Philadelphia und Native Tongues zeigt. „Under Your Hat“ kommt dann wieder als lupenreiner Dubtune daher und eröffnet mit atmosphärischem Plattenknacken und den genretypischen Vocals von Kathrin De Boer und Governor Tiggy ungeahnte Weiten im Delay- und Hall-Universum. Die traditionelle Einführung von „Beijos“ wirkt da mit einem monotonen Klavier fast schon langweilig, die einsetzende Bassline, dezente Synthiestreicher, eine Gitarre und die Drums wirken aber auch hier sinnstiftend und machen das zuerst einschläfernd anmutende Sujet unerwartet spannend. Die schlichte Schönheit des Klaviersamples wird in „Game Tight“ wieder aufgegriffen, und auch hier wird das minimalistische Grundgerüst angereichert durch ein Zirpen und Knistern; Synthie-Flöten übernehmen dann die Klavierakkorde, bevor es eine Spur tiefer nach unten geht und sich Vokalsamples mit einem wabernd oszillierenden Bass paaren. Dazu noch der zuckersüße, verträumte Soul von „I Want To Shout Out“, der zum Innehalten einlädt, daher schwebt und nie richtig anfängt, die leise Schmalznote von „Always Lady“ und der knochentrockene Synthie-Funk von „Rock Dem Hot“ – dieses Album ist eine wahre Wundertüte, das bis zum letzten Track Überraschungen bereit hält.

Ein Blick auf die Gästeliste erübrigt sich da fast – international besetzt ist die Platte, Russen, Engländer, Amerikaner, Franzosen, Holländer und natürlich Vadims Lebensgefährtin Yarah Bravo – sie alle sind nicht mehr und nicht weniger als Erfüllungsgehilfen von Vadims musikalischer Vision. Dabei ist es sein großes Verdienst, dass das Album trotz der langen Spielzeit von 72 Minuten und der musikalischen Vielfalt nicht langweilig wird und zu keinem Zeitpunkt in die Beliebigkeit abrutscht. Ein in sich stimmiges Album, das von einer großen Konstante zusammengehalten wird – dem Groove. Den hat Vadim gepachtet, und der ist ja schließlich universell. (Johannes Wallat, Radio Q)

VÖ: 08.05.2009

Künstler: http://www.djvadim.com | Label: http://www.bbemusic.com/data.pl?release=BBE145SLP

Anspieltipps

  • Soldier, 01
  • You Are Yours, 10
  • Game Tight, 09
  • Thrill Seeker, 04
  • Saturday, 06

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