Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2007

Albumcover

Dizzee Rascal
Maths + English

Er erinnert sich, wo unten ist. Dizzee Rascals Werdegang beschwört den Tartaros herauf, während die Themse als mäandernder Styx die Kulisse für die Legenden des Aufstiegs des mittlerweile 22jährigen bereithält. Die Newsticker-Einblendungen der englischen Musikkanäle fassen schnell im Zeitraffer zusammen: Halbwaise +++ flog von drei verschiedenen Schulen +++ Kleinkrimineller +++ Mit 19 jüngster Mercury Prize-Gewinner aller Zeiten +++ 250.000 verkaufte Debütalben +++ Vorprogramm von Justin Timberlake und Red Hot Chili Peppers. Polyphone Klingeltöne gibt´s dann im Anschluss gratis zum Sparabo.

„I Can Hear Da Sirens Comin!“ Auf seinem dritten Album skizziert er nun seine Existenz weiterhin im Halbdunkel, als gefährdet und auf der Flucht. Das kongenial-bastardisierte und überaus singleuntaugliche, weil auf einem harten Riff basierende „Sirens“ sträubt sich nur scheinbar mit Vehemenz und dumpfen Beats gegen die Erfolgsgeschichte: Neben Mike Skinner von The Streets ist dieser Outsider aus den Londoner Ostblöcken inzwischen einer der erfolgreichsten, gleichzeitig aber auch innovativsten HipHop-Künstler der Insel. Vorsorglich wetzt er im Opener Messer zum stechenden Beat.

Zerfranste er an der Schwelle zum Erwachsensein noch etwas unbeholfen, aber nicht uneigen Beats aus der Playstation, ist das HipHop-Pseudonym „Maths + English“ durchwegs spürbar locker geworden. In dekonstruktivistischer Manier bedient er sich allen Stilistik-Schubladen von Acid, Grime, HipHop, Rock und Jungle, ohne dabei den bekannten roten Faden unter irgendwelchen kühn konstruierten Beatgerüsten zu verlieren. Die Vielstimmigkeit von Mensch und Maschine ausreizen und dabei urbanen Pathos versprühen - das ist das Patchwork, was sein Drittwerk zur Maxime erklärt. Nicht nur bei „Pussyole (Old Skool)“ lugt dabei Altgedientes aus der Samplekiste hervor und nimmt so Traditionslinien und Verweiskräfte auf Bestehendes wieder auf. „Da Feelin’“ feiert die Zusammenkunft des Drum’n’Bass mit englischem HipHop, „Wanna Be“ kooperiert mit Lily Allen und verschmilzt im Sonnenlicht zu einem eingängigen Popsong. Die Produktion, deren Beats im grobkörnigen Raster gerne auch mal weniger in Einzigartigkeit aufgehen, als professioneller daran anschließen was von Dizzee bisher gezeigt wurde, ist durchwegs rasant, aber feiert auch Versöhnungsparty mit den Hörgewohnheiten ambitionierter HipHop-Lauscher.

Derart aufgeheizt ist es fast schade, dass so Songs wie „Suk My Dick“ eher in konventionelleren Bahnen des Singsangs abgleiten. Der Verdienstorden zur Rettung des „Parental Advisory“-Aufklebers ist ihm eh gewiss, ohne dass er die „Pussyholes“, „Fucks“ und „Dicks“ als Monstranz einer achso bösen Gossenmentalität vor sich her trägt und in aller Oberflächlichkeit zur Insistierung des eigenen Images benutzt. Der Sido-Way Of Life liegt ihm fern. Eigentlich versucht Dizzee nur, die Härte der Straße in seine Texte herüberzuretten, wobei nach allen Regeln der Kunst die Grenzen zwischen tatsächlichem Straßenslang und aufgesetzter Provokation fließend sind. Auf political correctness wird nur zu gern gepfiffen. Dizzee schubst dazu aufmunternd von hinten. Oder ist es Heimtücke? Er schüttet bissigen Spott über Geldwedler, Kritiker und Spießertum und dreht sich dabei immer gern um die eigene Achse. Mit angenehm dunkler Stimme und aufgeputschten Melodien über seinen Reimen erinnert er ein wenig an eine desorganisierte Rasselbande, die zwischen Nachdenklichkeit und Aufbegehren wankt.

Was an dieser Veröffentlichung etwas überflüssig erscheint, ist die Gleichzeitigkeit von lyrischer Roughness und produktioneller Genauigkeit. Den ersten beiden Werken „Boy In Da Corner“ und „Showtime“, die in der Geste des dunklen Piratensender-Glanzes schimmerten, darf man so noch ein Quäntchen mehr an Eigenständigkeit und Herzblut zusprechen. Sein aktuelles Soundraster strotz hingegen vor Versiertheit und Selbstreferenzialität, ohne dass es in Kopistentum und Belanglosigkeit ersprießt. Alleine aus diesem Grund erscheint Dizzee Rascal derzeit als der Souverän der englischen HipHop-Szene, die vielleicht noch Roots Manuva, Wiley und The Streets auf demselben Level duldet. Wortgewaltig und mit knackig-mutierenden Kopfnickern wie „Bubbles“ ausgestattet, ist „Maths + English“ Stagnation auf allerhöchstem Niveau. Währendessen hat sich nur die Analogie ins Gegenteil verkehrt: Unten ist eben nicht mehr da, wo Dizzee Rascal ist. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 08. Juni

Künstler: http://www.dizzeerascal.co.uk | Label: http://www.xlrecordings.com/dizzeerascal

Anspieltipps

  • Sirens, Track 3
  • Pussyole (Old Skool), Track 2
  • Wanna Be, Track 13
  • Bubbles, Track 9
  • Flex, Track 7

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