Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2010

Albumcover

Diverse
Shangaan Electro: New Wave Dance Music From South Africa

Auch als noch so großer Musikfan ahnt man manchmal gar nicht, wie beschränkt der eigene musikalische Horizont doch letztlich ist. Wer weiß hierzulande schon was die Leute in China oder Indien - insgesamt immerhin mehr als zwei Milliarden Menschen - hören und spielen? Und wie sieht es bei den Gastgebern der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft aus? Mehr als Traumschiff-Folklore mit passend postkolonialistischen Bildern bekommt man nicht zu hören und auch die Fifa-Rahmensongs sind konforme Hits der Globalisierung: Vor allem Songs aus Kolumbien und Kanada, von Shakira und K`Naan, prägen das musikalische Gesicht des Turniers. Und selbst die südafrikanischen Parlotones klingen amerikanisch. Ohne Zweifel ein weiteres Zeichen dafür, dass die Organisatoren offenbar sehr darauf bedacht sind, nur den plattgetretenen Musiknerv des Mainstreams zu treffen. Schade eigentlich: Hätte man authentische südafrikanischen Musiker zum Zuge kommen lassen, vielleicht würde die generelle weltweite Assoziation bei südafrikanischen Klängen nicht vom Schreckenswort dieser WM geprägt sein: Vuvuzela.

Seit Jahren schon verbindet das Label Honest Jons Weltmusik, Pop und Elektro und leistet so seinen Beitrag zum kulturellen Austausch und beweisen kontinuierlich, dass sie das richtige Ohr für das Ungewöhnliche und Qualitative besitzen. Auf der Compilation "Shangaan Electro: New Wave Dance Music From South Africa" haben sie nun zwölf Tracks vereint, die von verschieden Künstlern zwischen 2006 und 2009 in einem kleinen Studio in Soweto eingespielt wurden. Der Studioinhaber und Produzent Nozinja aka Dog ist dabei der musikalische Kopf hinter dem Projekt und in Südafrika auch bekannter Vertreter der lose formierten Shangaan-Electro-Szene. Shangaan Electro ist schlicht nichts anderes als die durch elektronische Töne und Beats ergänzte traditionelle Musik aus den Teilen Südafrikas zwischen dem Limpopo-Fluss und Mosambik. Shangaan ist übrigens auch eine andere Bezeichnung für die Tsonga-Volksgruppe, welche in genau diesem Gebiet lebt. Damit ist die Musik zwar ziemlich lokal gebunden, aber dennoch werden jedes Jahr zehntausende Shangaan-Alben verkauft. Dabei spielen MP3s und dergleichen überhaupt keine Rolle: Die CDs des Studios werden von Produzent Nozinja selbst direkt aus einem Kleinbus verkauft.
 
Im Vordergrund der Musik aus dem Johannesburger Raum stehen die xylophonähnliche Marimba, Orgel und Keyboard. Dass das Ergebnis nicht gerade dem aktuellen internationalen Standard entspricht, ist nur allzu logisch. So scheinen die Keyboards und Drumcomputer seit Jahrzehnten überholt, als hätten die Afrika mit einer Ladung europäischer Alt-Autos auch noch eine Ladung abgelegte Musikelektronik dazubekommen. Alles klingt billig, improvisiert – das allerdings auf eine Art, die niemals trashig wird, auch wenn hier der immer gleiche Beat fast ins Groteske gesteigert seinen Einsatz findet. Mit den schnellen elektronischen Klängen fühlt man sich manchmal glatt an die Soundtracks der alten Nintendo- und Sega-Spiele der 80er und 90er erinnert. Diese Beschreibungen und die Bezeichnung "New Wave Dance Music from South Africa" mögen für den ahnungslosen Leser und Hörer schon eigenartig klingen – im Zusammenspiel mit den originären Vocals sorgt das aber für eine musikalische Zerrissenheit, die symptomatisch für die Umwälzungsprozesse Afrikas steht. Die Musik ist eigen, vollkommen schräg und doch zieht sie in ihren Bann. Was Stars von Nozinjas Label wie BBC (Black Beautiful Culture), die Tshetsha Boys und Tiyiselani Vomaseve produzieren, ist infektiös und so positiv wie es eben Bestandteil der afrikanischen Kultur ist: Pessimismus kennt man hier eben kaum.
 
Die Musik ist dabei nicht nur tanzbar, sondern der Tanz ist auch fester Bestandteil von Shangaan Electro. Wie man zu dieser extrem schnellen Musik bei bis zu 180 BPM tanzt, lässt sich kaum beschreiben. Nozinja selbst versucht es so: "Wenn man sie tanzen sieht, glaubt man, dass sie keine Knochen haben." Will man wirklich ein Gefühl für die Musik bekommen, lohnt es sich, eine solche Performance mal selbst anzuschauen:
 

 

Was die südafrikanischen Shangaan-Musiker hier bieten ist bestimmt nichts für einen entspannten, lauen Sommerabend. Es sind auch Klänge, die als europäisches Produkt weder Relevanz hätten, noch überhaupt funktionieren könnten. Als obskures Nischenprodukt ist das ganz anders und eröffnet eine neue Perspektive über den kulturimperialistisch geprägten Tellerrand hinaus. Wer auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem für den Sommer ist: Ihr habt es gefunden. (Marc Kluge, CampusFM)

VÖ: 25.06.2010

Links: Label

 

Anspieltipps

  • Tshetsha Boys - Nwa Pfundla, Track 2
  • Zinja Hlungwani - Ntombi Ya Mugaza, Track 4
  • BBC - Ngozi, Track 7
  • Mancingelani - Vana Vasesi, Track 3
  • Nka Mwewe - Khulumani, Track 11

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