Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 39/2005

Albumcover

Diverse
French Cuts 3

Frankreich, woran denkt man da zunächst? An Paris, die "Stadt der Liebe", an gutes Essen und guten Wein oder auch an den Nationalstolz der Franzosen. Im Radio muss mindestens 40 Prozent in der Landessprache gesendet werden, und das ist gar nicht so schlimm. Schließlich gibt es eine große Popmusikszene in Frankreich, mit Künstlern wie Benjamin Biolay, Françoiz Breut oder Yann Tiersen. Die Musik dieser "Nouvelle Scene Francaise" klingt irgendwie neu und vertraut zugleich. Die Protagonisten der neuen französischen Popmusik machen keinen Hehl daraus, dass ihre Wurzeln im Sound der 60er liegen. Beeinflusst durch die Beatles-Invasion machten auch in Frankreich die Gitarren Krach und die Hammond-Orgel lieferte den passenden Groove. Die großen Stars jener Zeit -Serge Gainsbourg, Francoise Hardy, France Galle, Nino Ferrer oder Johnny Hallyday - hatten außerhalb der Landesgrenzen Frankreichs kaum kommerziellen Erfolg. In Deutschland gaben nur ein paar Schlagersänger die eingedeutschten Originale zum Besten. Erst nachdem Plattensammler und DJ´s alte, längst vergessene Perlen ausgegraben haben, und die neue französische Popmusik sich sehr stark auf den Stilmix der 60er, zwischen Chanson, Beat, Easy Listening und eingehauchtem Gesang bezieht, sind die alten Sachen wieder hip und clubtauglich.

Logische Konsequenz dessen: Die "French Cuts" starten in die dritte Folge. Die "French Cuts 3" erscheinen als 25-Track-CD und als 29-Track-Doppelvinyl. Erneut hat DJ Martin Hemmel vom Münchner Atomic Café alte tanzbare Tracks aus den 60ern und frühen 70ern aufgestöbert, mit vier aktuellen Nummern gemischt und zu einer bemerkenswerten Kompilation zusammengestellt.

Zunächst erklingt eine bekannte Roboterstimme mit französischem Akzent: Man kennt diese Melodie aus der deutschen Science-Fiction-Serie "Raumpatrouille Orion" Im Original wurde der Soundtrack von Peter Thomas komponiert, die Schweizer Sängerin Virginie Rodin ergänzte den Song mit einem französischen Text.
Weiter schweben wir zur Sex-Ikone der 50er und 60er Jahre: Brigitte Bardot hat neben ihren unverkennbaren schauspielerischen Qualitäten auch einige Schallplatten aufgenommen. Ihre bekanntesten Hits schrieb ihr damaliger Freund Serge Gainsbourg. Mit "Tu Veux Ou Tu Veux Pas?" präsentiert sie eine lustige und flotte Version des brasilianischen Stücks "Ne Ven Que Vao Ton" von Wilson Simonal. Danach folgen zwei angerockte Highlights: Erick St. Laurent mit "Le Temps D´y Penser" und Larry Greco mit "Cést Fini, Bien Fini". Rock´n´Roll war auch die Musik von Eddy Mitchell, bevor er sich in den 60ern dem Soul zuwandte und mit "Vieille Fille" hier eine laute Version von "Spinning Wheel" abliefert, welches im Original von der Jazz-Rock-Formation Blood, Sweat & Tears stammt.

Kommerziell erfolgreicher war Claude Francois, der auch die Originalmelodie von "My Way" komponierte und hier im Motown-Stil "I´m Alive" von Tommy James & The Shondells covert. Auch "Une Fois" ist eine Coverversion - der Beat-Sänger Jacques Bulostin interpretiert unter dem Künstlernamen Monty "For Your Love" von den Yardbirds.

Noch von den "French Cuts 2" kennt man die Garagen-Rock-Band 5 Gentlemen, die mit „Twiggy“ eine Ode an das gleichnamige britische Super-Model beisteuern. Zwei bekannte Interpreten sind noch hervor zu heben: Der als Balladensänger bekannte Michel Fugain vermengt bei "Allez Bouge-toi" von 1972 Rock, Funk und Latin-Elemente, während Pierre Henry mit "Psyche Rock" ertönt. Dieser Song wurde als Titelmelodie der Zeichentrickserie "Futurama" bekannt und ist vielmehr der elektronischen Avantgarde der Moderne, als der eingängigen Popmusik zuzurechnen.

Doch nicht nur alte, sondern ein paar aktuelle Tracks finden sich bei "French Cuts 3". Die Münchner Frenchpop-Band Phonoboy, benannt nach einem tragbaren Plastikplattenspieler, stellen hier eine bisher unveröffentlichte Version von "Atomique" zur Verfügung - eine Hommage an das Atomic Café, die nicht fehlen darf. "Sur Ton Respondeur", zu Deutsch "Auf deinem Anrufbeantworter", stammt von der französischen Band "Notre Dame" und klingt im Gegensatz zu Phonoboy eher verträumt romantisch. Und auch mit Exklusivem wurde nicht gespart: Extra für diesen Sampler wurde "Blow Up" von Janea Et Alfa, Mitglied der deutschen Popshoppers, fertiggestellt. Wer jetzt aber eine Cover-Version des berühmten Filmthemas von Herbie Hancock erwartet, liegt falsch.

Und weil Französisch und das erotische Prickeln im Bauchnabel nicht erst seit der Bierwerbung zusammengehören, ist mit Thierry Vincent Instrumentalstück "Munich Party" aus dem Jahr 1967 das Titelthema der Dokumentation "Die sexuelle Revolution" vertreten, welche die Erotikfilm-Produktion jener Jahre in der Schwabinger Szene aufgreift.

Hört man sich die Compilation an einem Stück an, wird deutlich: Es gab neben dem Chanson in den 60ern auch schon eine lebendige Popmusik-Szene in Frankreich. Hier überwiegen die unbekannten Namen, was jedoch nicht gleichzusetzen ist mit unbekannten, untanzbaren Melodien, schließlich gibt es auf „French Cuts 3“ einige französische Coverversionen von englischsprachigen 60’s-Hits und viele Entdeckungen – denn in ihrer Entstehungszeit blieben viele von ihnen völlig unbeachtet. Natürlich ähneln sich die teilweise knarzenden Titel in ihrem Charakter ein wenig, sind aber durchgehend charmant und liebenswert. (Moritz Dewald, hochschulradio düsseldorf)

Komplette Tracklist & Label unter www.panatomic.de

Anspieltipps

  • Eddy Mitchell - Vieille Fille (Spinning Wheel) #5
  • Thierry Vincent - Munich Party #5
  • Brigitte Bardot - Tu Veux Ou Tu Veux Pas (Ne Ven Que Vao Ten) #2
  • Virginie Rodin - Commando Spatial (Raumpatrouille Orion) #1
  • Notre Dame - Sur Ton Respondeur (new version)#9

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