Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2004

Albumcover

Diverse
Åtömström – The Great Röck'n'Röll Svendle (Part One)

ABBA – Roxette - Ace Of Base - Cardigans. So, oder so ähnlich könnte man eine Traditionslinie skizzieren, wenn es um den schwedischen Exportschlager Nummer drei geht: Popmusik. Addiert man noch Rednex, Dr. Alban und die A*Teens dazu, dann...äh...nein.

Schließlich soll hier dem wahren und unverfälschtem Schweden-Pop © gehuldigt werden. Dem, der glühende Augen verursacht und nach Norden schwelgen lässt.
Genug Anlässe gibt es, denn nie gab es so viele Bands aus dem 9 Millionen-Land, die sich auch hier einen Namen erspielt haben, wie heute. Nie gab es in den letzten Jahren mehr interessante Bands, die mindestens die (gefühlte) Hälfte der amerikanischen gar britischen Bands locker gefaltet in die Westentasche stecken könnten.

Woran das liegt? Nun ja. Viele Kritiker bemühen an dieser Stelle sodann fußlahme Klischees vom harten und finsteren Winter der lappischen Tundra, der Einsamkeit der seendurchzogenen Wälder, dem untrügerisch hochprozentigen Geheimnis des Selbstgebrannten, gar von kraftspendender Elchsalami.

Sinnstiftendere Ansätze gibt es aber auch: Musik gilt in diesem Land einfach mehr. Fast 300 staatliche Musikschulen haben zur Folge, dass fast jeder 2. ein Instrument beherrscht. Auch das öffentliche Interesse an Musik ist nicht wie in Deutschland nur Randthema, sondern verbindet wirtschaftliche Interessen mit einem ausgeprägten kulturellen Empfinden. Haufenweise Plattenläden, staatliche Musikförderprogramme, mehr Plattenkäufer und Produzenten leben die Pop-Tradition des Landes und verstärken diese gleichermaßen. Und das wirkt.

Fest steht nämlich: die schwedische Musikszene war noch nie so vielschichtig präsent in deutschen Medien wie heute. Das Atomic Café in München trägt dieser Entwicklung mit einer unregelmäßig stattfindenden Partyreihe Sorge. Und weil mit „Panatomic“ dort gleich ein eigenes Label angeschlossen ist, gibt es nun den ersten Part zur gleichnamigen Veranstaltungsreihe: Åtömström – The Great Röck´n´Röll Svendle. Es wurde auch langsam mal Zeit.

Darauf lassen sich 22 Repräsentanten des guten Geschmacks entdecken, davon die Hälfte bisher in Deutschland unveröffentlicht - was diese Kompilation auch für Schweden-Kenner interessant machen dürfte.
Mit dabei sind selbstredend die üblichen Verdächtige aus hintersten Garagenecken. Mal wird sich schoddrig und angeslackt durch aggressive Riffs gemosht und ein bisschen sozialunverträglich gewütet wie bei der (International) Noise Conspiracy; ein anderes mal sich breitbeinig mit gefletschten Zähnen und Krawatte den Energieüberhang aus der Kehle krakeelt. Willkommen in der Retrowelt der Hives.
Aber das war es auch schon mit offensichtlicher Frustration, Schweiß und Konfrontation. Denn was wäre ein Klischee-Schwede ohne seine Hingabe zu geräumigen Melodien und klettenden Ohrwürmern? Eben! Auch hier treffen wir zunächst auf gut Bekanntes: Nölender Farfisa-Pop von den Caesars, manierierter Art-Pop vom Moneybrother oder auch die Stockholmer Eskobar mit ihrem brüchigen Schmelz einer Philadelphia-Perle. Erwartungsgemäß darf da natürlich nicht die speziell androgyne Plastik-Manieriertheit von The Ark nicht fehlen, die auch gleich ihre Ex-WG-Bewohner von The Mo und Melody Club mit unterbringen durften.

Viel spannender sind aber die kleinen Entdeckungsreisen abseits der betretenen Pfade. Die Multiplatinseller Kent, die in Deutschland nur durch ihren Hit „Music Non Stop“ auf sich aufmerksam machten, steuern den Nummer 1 Hit „VinterNoll2“auf schwedisch bei. Das nationale Geschäft boomt - so verzichtet man schon seit geraumer Zeit auf die Zweitproduktion eines englischsprachigen Pendants.

Spartanische Akustikgitarren, bombastische Pianos und gelegentlich hineingetröpfelte hinreißend-prägnante Trompeten wirbeln, flehen, feuern und schwelgen: David And The Citizens schicken mit „The End“ einen ernsten Song ins Rennen, der doch satt an souveränen Spontaneitäten und brüchiger Flockigkeit ist..

Wollpulli-bewährten Indie-Pop mit sehnsüchtiger Larmoyanz gibt es unterdessen von den Shout Out Louds („Please Please Please“). Umarmen fällt hier gar zu leicht. José Gonzales schaltet daraufhin eine Spur zurück und offenbart tagebuchtaugliche Einblicke, die über den schönen November-Moment hinauszuscheinen vermögen.

Anschließend sagen Strip Music „ja“ zum Klischee, „ja“ zu Jugendsünden und Schminkköfferchen. Und nehmen uns mit auf ihre „Desperation“-Zeitreise zu pappsüßen Synthieflächen, schillerndem Pomp und kitschigen Manierismen: kalorienreichen Posen, umschlungen mit einer latent androgynen Schärpe. Hallo 80er! Da lassen sich The Melody Club nicht lumpen, stimmen mit ein und machen ihrem Namen alle Ehre: „Palace Station“.

So geht es Track um Track. Feinst gesponnenen Melodiewerk mit wenig ausfallenden Belanglosigkeiten, oft verzärtelt mit dem nordisch unterkühlten Charme, der ganz schnell alle Sympathiekärtchen in die Luft schnellen lässt.

Zum Schluss verabschieden sich Mando Diao mit „Sheepdog“ in einer Akustikversion. Keine Spur mehr von ihrem unbändigen Verve und der aufrührerischen Hybris. Es bleibt pure Schönheit, gepaart mit fiebrigem Knarzsound und rau gekörntem Timbre – für Standing Ovations der Nackenhaare.

Da kann man nur hoffen, dass dieser Sampler Erfolg haben wird. Denn in Schweden nagen mit Laakso, Edson, Quit Your Dayjob, Corduroy Utd, CDOASS, Bergman Rock, The Concretes, Crystal Comittee, Starmarket, Isolation Years und und und schon weitere fantastische Bands fleißig an ihrer Elchsalami...

(Markus Wiludda, eldoradio*)

 

Komplette Tracklist:

 

1. Caesars • Jerk It Out

2. The Hives • Die, All Right!

3. Moneybrother • Reconsider Me

4. Shout Out Louds • Please Please Please

5. The Wannadies • You & Me Song

6. Eskobar • Tumbling Down

7. Kent • Vinternoll2

8. Weeping Willows • Touch Me

9. The Ark • It Takes A Fool To Remain Sane

10. Melody Club • Palace Station

11. Paris • Streetlights

12. The Mo • The Right World

13. The Motorhomes • The Man

14. The Sonnets • Tale Told By The Cynical

15. David & The Citizens • The End

16. Jens Lekman • You Are The Light

17. José González • Crosses

18. Strip Music • Desperation

19. The Radio Dept. • Where Damage Isn´t Already Done

20. Broder Daniel • Underground

21. The [International] Noise Conspiracy • Black Mask

22. Mando Diao • Sheepdog (acoustic)

http://www.panatomic.de

Anspieltipps

  • Shout Out Louds - Please Please Please, Track 4
  • Kent - VinterNoll2, Track 7
  • David & The Citizens - The End, Track 15
  • Mando Diao - Sheepdog (acoustic), Track 22
  • Strip Music - Desperation, Track 18

Hier könnt Ihr Diverse: Åtömström – The Great Röck'n'Röll Svendle (Part One) - Silberling der Woche 47/2004 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar