Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 42/2009

Albumcover

Diverse
5 Years Of Low-End Contagion (5 Years Hyperdub)

Erinnert sich im schnellebigen Musikgeschäft eigentlich noch jemand daran, was vor fünf Jahren war? Vor fünf Jahren, also 2004, hieß die Band der Stunde Franz Ferdinand. Wenige Eingeweihte hörten schon den nächsten Hype durch die noch tundramäßig besiedelte Blogosphere trapsen, denn eine Band namens Bloc Party veröffentlichte vor ziemlich genau fünf Jahren ihre erste Single "Banquet." Und in Sheffield wird sich eine erfolglose Teenagerband namens Arctic Monkeys gesagt haben, es doch mal auf diesem revolutionären neuen Internetportal "Myspace" zu versuchen.

Von der britischen Hypepresse völlig unbemerkt braute sich zeitgleich im Londoner Underground ein Sturm zusammen, der sich aus Fragmenten längst totgesagter musikalischer Genres nährte. Aus UK Garage, Jungle und Drum & Bass, den Kommerzialisierungs-Leichen der 90er-Rave-Euphorie und deren mysteriös-minimalistischem Derivat 2step wurde im multikulturellen Suburbia Südlondons ein hybrider Sound geformt, der der desillusionierten Szene ein trotziges "Zurück in die Zukunft!" entgegenrief. Der dem Dub entlehnte Bassfetischismus traf auf die unterkühlten, synkopierten Garage- und 2step-Rhythmen, dass Tempo wurde gegenüber Drum & Bass deutlich reduziert, ist aber mit etwa 140 BPM immer noch deutlich schneller als der zur gleichen Zeit auf dem europäischen Festland vorherrschende Minimaltechno. Ein Name für das Kind ist schnell gefunden: Dubstep. Von dem über Piratensender wie Rinse.fm kanalisierten Sturm wird auch Steve Goodman alias Kode9 mitgerissen, der seit den frühen 90ern als DJ in allen Stilen der britischen Clubmusik mit gebrochenen Beats zu Hause ist. Mit der Gründung seines eigenen Labels "Hyperdub" schuf er sich zunächst ein Forum für seine eigenen Produktionen, apokalyptisch-düstere Subbass-Meditationen, meistens unterstüzt von seinem Stamm-MC Spaceape. Von da an ist die Geschichte und Evolution von Dubstep aufs engste mit der Geschichte von Hyperdub verwoben. Die zum fünfjährigen Jubiläum erschiene Doppelcompilation mit Exklusivmaterial auf der einen und Klassikern auf der anderen CD ist da Ausblick und Retrospektive zugleich.

Herbeigesehnt wurde sie vor allem, weil dort mit "Fostercare" ein neuer Track von Burial zu finden ist, der nach seinem selbstbetitelten Debüt 2006 und dem Überalbum "Untrue" ein Jahr später der unumstrittene Superstar des Dubstep und der einzige Produzent ist, der sowohl im Plattenschrank eines Londoner Jungle-Veteranen als auch auf dem Ipod eines New Yorker-Pitchfork-Addicts einen Ehrenplatz hat. "Fostercare" bietet jedem Burial-Hörer ein Dejavu-Erlebnis erster Güte: eine subbassgetriebenen Hymne mit rostig-stumpfen Drums und den charakteristischen Autotune-Vocalsplittern. Es spricht allerdings für den immensen Qualitäts- und Diversifikationsschub, der Dubstep vor allem in den letzten zwei Jahren erfasst hat, dass "Fostercare" bei weitem nicht das einzige Highlight der insgesamt 32 Tracks umfassenden Compilation ist. Kode9 & Spaceape liefern mit "Time Patrol" einen Synthie-Slammer erster Güte, L.V. und Digital Mystikz-Mitglied Mala beackern das deepere, dubbigere Spektrum von Dubstep und Quarta 330 quält in seinem 8bit´n´Bass-Stück "Bleeps From Outer Space" die Spielkonsolen, dass nicht nur Super Mario der Hut bzw. die Mütze hochgeht und der enigmatische Zomby
feiert auf "Tarantula" mal eben die Vereinigung von UK-Garage mit Bleeptechno der frühen Warp-Zeit. So hochwertig wie vielseitig die erste Hälfte der Compilation ist, die wahren Perlen finden sich auf der zweiten CD.

Angefangen von Burials erstem Hit "South London Boroughs" über The Bugs dancehallinfizierten Grime bis hin zur extrem relaxten Beatscience des aus dem Flying Lotus-Umfeld stammenden Samiyam wird klar: Der Begriff "Dubstep" hinkt der musikalischen Realität längst hinterher und wird auf ein musikalisches Feld angewandt, dass sich von den Süd-Londoner Anfangstagen längst emanzipiert hat, ohne seine Verbindungen zu den Wurzeln völlig zu kappen. Während House und Techno immer noch unterschwellig an ihrer Überformalisierung und dem ungelösten Konflikt zwischen schwarzen Ursprungsmythos und weißer Fortschreibung leiden, ist Dubstep in einer post-postmodernen Wirklichkeit angekommen. Standen die Zeichen vor gar nicht allzu langer Zeit noch auf vorsichtige Annäherung und Integration von Elementen aus Techno oder IDM, hat jetzt ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Dubstep ist der Jungbrunnen, nach dem die nach Revitalisierung lechzenden Spielarten der elektronischen Musik im Verbund streben.

Kaum verwunderlich, dass auch Warp mit Hudson Mohawke eines der vielversprechensten neuen Talente in seinem Roster hat und das alterwürdige Electronica-Label Planet Mu mittlerweile nur noch Platten mit Dubstep-Bezug releast. Damit diese Position nicht zur Bürde wird, sollte sich das Genre die erfrischende Naivität und Scheuklappenlosigkeit bewahren, mit der auf einem Label wie Hyperdub agiert wird. Diese Tugenden findet man in den Stücken des blutjungen Bristolers Joker, dessen dreckiger, vor Rave-Signalen und wahnwitzigen Ideen sprühenden Lo-Fi-Sound weit neben der ausgewalzten Spur majestisch schwingender Subbass-Elegie fährt und den etablierten Produzenten gerade ordentlich in den Allerwertesten tritt. Der Stempel "wonky" (schief, wacklig), der diesem Sound aufgedrückt wurde, hat seine negative Konnotation verloren und ist zu einem Dancefloor-Gütesiegel erster Klasse geworden. Das beweist er mit seinem Hit "Digidesign", der Anfang des Jahres gemeinsam mit "You Don´t Know What Love Is" von 2000F & J Kabata auf einer Split-Single erschienen ist. Deren cheesige Adaption von Westcoast-G-Funk bleibt zwar Geschmackssache, wenn aber noch jemand einen letzten Beweis benötigt hat, dass die Wege für Dubstep Ende 2009 offener denn je sind, so hat er ihn mit der Hyperdub-Compilation gefunden. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 09.10.2009

Link: http://www.hyperdub.net

TRACKLIST - CD 1 (EXCLUSIVE MATERIAL) :

King Midas Sound - ´Meltdown´, Kode9 & The Spaceape ft. Cha Cha - ´Time Patrol´, Darkstar - ´Aidy´s Girl´s A Computer´, Samiyam - ´Roller Skates´, Flying Lotus - ´Disco Balls´, Black Chow - ´Purple Smoke´, Burial - ´Fostercare´, Cooly G - ´Weekend Fly´, Zomby - ´Tarantula´, Martyn - ´Mega Drive Generation´, LV ft. Dandelion - ´Turn Away´, Mala - ´Level Nine´, LD - ´Shake It´, Quarta 330 - ´Bleeps From Outer Space´, Ikonika - ´Sahara Michael´, Joker & Ginz - ´Stash´.

TRACKLIST - CD 2 (BACK CATALOGUE) :

Kode9 - ´9 Samurai´, Burial - ´South London Boroughs´, Kode9 & LD - ´Bad´, The Bug ft. Warrior Queen - ´Money Honey´ (rmx), LV ft. Erol, Bellot - ´Globetrotting´, Burial - ´Distant Lights´, Kode9 & The Spaceape - ´Ghost Town´, Kode9 & The Spaceape - ´Fukkaz´, Samiyam - ´Return´, Darkstar - ´Need You´, Zomby - ´Spliff Dub´ (Rustie rmx), Ikonika - ´Please´, Zomby - ´Kaliko´, 2000F & J Kamata - ´You Don´t Know What Love Is´, Joker - ´Digidesign´, Kode 9 - ´9 Samurai´ (Quarta 330 rmx).

Anspieltipps

  • CD 2: 09 Samiyam - Return
  • CD 1: 07 Burial - Fostercare
  • CD 2: 15 Joker - Digidesign
  • CD 1: 11 L.V. - Turn Away
  • CD 1: 10 Martyn - Mega Drive Generation

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