Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 28

Albumcover

Dirty Projectors
Swing Lo Magellan

Man hat sie früher gehasst: Die Streber aus der ersten Reihe. Sitzen akkurat aufrecht in von Mama rausgelegten Klamotten da, setzen ihr altkluges Gesicht auf und wissen einfach auf alle Fragen eine Antwort. Die Wurzel aus 73252? Alle Formen des lateinischen Ablativs? Oder die Bauzeit des Kölner Domes? Kein Problem! Was ihnen an sozialem Profil fehlt, machen sie durch Primus-Wissen wett.

Die Dirty Projectors sind die Streber des Indie-Pops. Ihre Kenntnis der Musikgeschichte hat enzyklopädisches Ausmaß: Von Talking Heads bis Jefferson Airplane, von Simon & Garfunkel bis Zappa. Dazu die gesammelten Motivskizzen des amerikanischen Folks der 60er Jahre, westafrikanischer Klänge der 70er Jahre und dem Besten des Freakfolks von heute. Zur Not geben sich die Fünf einfach selbst untereinander Nachhilfe, wie sie es auf instrumenteller Basis auch tun. Es scheint nichts zu geben, was dieser Freundschaftsbund nicht kann und das hört man dieser Platte an, die randvoll mit eigenem Anspruch gefüllt ist.

Man könnte ihre Musik entsprechend für ihr Besserwissertum und ihre Feuilletonaffinität geißeln – aber nicht nur die Tatsache, dass der Streber-Style samt Hornbrille inzwischen auf der Hipness-Rangliste weit oben steht, sollte stutzig machen: „Swing Lo Magellan“ ist eine der wunderbarsten Streberplatten, die es dieses Jahr zu hören geben wird. Und der Grund dafür ist denkbar einfach: Das musikalische Vagabundentum hat hier schlichtweg bei aller inneren Verkopftheit immer auch ein riesengroßes Herz und genügend Intuition, um gleichermaßen zu fesseln und zu überraschen.

Der Opener ist diesbezüglich richtungsweisend. „Offspring Are Blank“ fängt bedächtig mit einer gesummten Melodie an, wird flankiert von digitalen Handclaps, bricht dann aber auf und E-Gitarren-Gewitter gehen über dem verwinkelten Singsang nieder. Die Dirty Projectors sind meisterhaft im Antäuschen, wissen aber ganz genau, wann sie sich zurücknehmen müssen und lassen dann gerne auch mal einen Popsong Popsong sein. Mit wohlig tristen Untertönen wird über das Leben musiziert und mit romantischem Herzchenblick die süßliche Liebe besungen. Selbst Kitsch klingt bei ihnen erwärmend ehrlich: „You are always on my mind“, heißt es da im wunderbaren „Impregnable Question“, „I need you in my life“. Wer bei diesen Harmonien nicht gerührt innerlich eine Träne vergießt, muss eine verbitterte Person sein.

„Swing Lo Magellan“ ist kein Album der aufgebrochenen Wunden, sondern eher eines der Harmonie und Eintracht, auch wenn sich die Stimmen parallel in den Vordergrund drängeln und einen kleinen Wettstreit um Aufmerksamkeit entfachen. Das Spiel zwischen den hoch affektiven, weil exzentrischen Vocals David Longstreths und der pelzig-kindlichen Stimme Amber Coffmans ist jedoch ein unfaires, gewinnt aber genau daraus seinen unbestimmten Reiz. Wie so vieles, was scheinbar nicht zusammenpasst und durch erstaunliche Gleichlaufschwankungen geprägt ist.

So mag dieses Werk für einige immer noch eher verwirrend denn zugänglich sein, auch wenn es tendenziell befreiter, offener und nicht mehr so knorrig und eigenbrötlerisch wie mancher Vorgänger daherkommt. Die dramatischen Wendungen, knotenbeinigen Gitarrenrhythmen und ständig auf Positionstreue verzichtenden, gegenläufigen Stimmen bleiben jedoch weiterhin Markenzeichen der Band, die sich anscheinend in ihrem Eklektizismus klanglich endgültig gefunden hat.

Ihr sprießender Wildwuchs wirkt dabei aber nie ziellos, wird immer früh genug wieder eingefangen und verleiht so dem offenen Geist dieser Musik eine säumende Kontur, der eine kaum versteckte Pop-Sensibilität entgegensteht. „Just From Chevron“ berührt hinreißend mit seiner zuckergesättigten Melodie, die in Eingängigkeit nur vom tänzelnden „Gun Has No Trigger“ und dem etwas kauzigen „Dance For You“ übertroffen wird. Aber selbst die verdörrtesten der Indie-Folksongs auf diesem Album wirken unglaublich lebendig, was dem kindlichen Entdeckungsdrang der Band geschuldet ist und sicherlich auch dem weltentrücktem Treiben auf der Suche nach Natürlichkeit und der Aktualisierung begrünter Hippie-Ideale.

Kein Wunder also, dass die Kritiker eindeutig positiv urteilen – und auch die Sympathiekärtchen des Publikums sollten hier noch lockerer sitzen als beim gefeierten Vorgänger. Denn selbst dort verliefen die Songs in der Gesamtheit nie so souverän auf dem schmalen Grad zwischen spröder Intimität und wüster Extrovertiertheit, zwischen Gradlinigkeit und struktureller Offenheit und einer leidenschaftlichen Hingabe zur Popmelodie. „Swing Lo Magellan“ versammelt zwölf dieser musikalischen Kleinode, die grenzenlos weitläufig erscheinen und gleichzeitig geerdet und mit akustischem Eigensinn ausstaffiert sind. Die Dirty Projectors bewahren sich dabei immer ihr Geheimnis. Wie machen die das bloß? (Markus Wiludda, eldoradio*)

Anspieltipps

Gun Has No Trigger, #3
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Impregnable Question, #8
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Dance For You, #6
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Offspring Are Blank, #1
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Just From Chevron, #5
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