Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2011

Albumcover

Destroyer
Kaputt

Sechzehn Jahre ist es nun her, dass Destroyer den Fahrstuhl seiner musikalischen Karriere betreten hat. Seitdem ging es auf der Entwicklungs- und Popularitätsschiene für den Kanadier Daniel Bejar, unweigerlich immer weiter nach oben, der auch mit The New Pornographers und Swan Lake erfolgreich unterwegs ist. Aktueller Aufenthaltsort ist Etage Nummer 9!

Zunächst scheint „Kaputt“ unscheinbar, aber wer weiterhört wird schnell merken, das es so viel mehr als nur Hintergrundgedudel für entspannte ausgiebige Abende in den eigenen vier Wänden ist, die von der unwirtlichen Außenwelt abgeschirmt sind, in der aktuell nicht nur weltpolitisch alles drunter und drüber geht. Von Chaos und Kaputtheit ist das Album gewollt weit entfernt. Dan Bejar spielt wie immer mit den Erwartungshaltungen der Hörer und

„Kaputt“ ist aalglatt produziert, vermeintlich wenig greifbar und platzt doch aufgrund des Facettenreichtums aus allen Nähten. Oberfläche wandelt sich dann schnell in Tiefgang. Moderner Indie und Synthiesounds treffen im Rahmen einer ganz offiziellen Rückbesinnung auf Dan Bejars verstaubte Plattensammlung, die er schon vor Jahren vorsorglich (aber nicht vergessen!) auf dem Dachboden verstaut hat. Ganz ungeniert werden hier 80er New-Wave Klänge imitiert und auch das Saxophon, was früher die samstagnächtlichen Softpornos untermalt hat, ist wieder aufgetaucht. Letztes Jahr konnte man den Saxophon-Trend schon bei Deerhunter beobachten, dieses Jahr haben sich bereits Iron & Wine und Patrick Wolf an dem Instrument gütlich getan. Erleben wir hier gerade eine kleine Renaissance? Unterm Strich kann man fast alles, was in dieser Dekade der Popmusik groß (The Cure, David Bowie, Bryan Ferry) und hip war, in irgendeinem der Songs auf „Kaputt“ wiederfinden und das obwohl alles mit Folk angefangen hat. Dan Bejar etikettiert das Glatte einfach um. Erkennt den Trend! Das Warten auf den neuen musikalischen Hype könnte somit langsam ein Ende haben. Nachdem Genres wie Jazz und Folk, nun vielleicht um die Vorsilbe „Nu“ erweitert, in den letzten Jahren ihre Comebacks gefeiert haben, könnte es auch nun für das scheinbar uncoole Klangspektrum der 8oer soweit sein. „Nu“ ist das neue und frischere Retro. Destroyer lehnt sich mit dem Versuch weit aus dem Fenster, bricht mit Konventionen und zerschlägt Erwartungen wo es nur geht. Den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne besteht er allerdings mit Bravour: Neue Romantik in altem Schein - ganz ohne Kitsch gelingt das Experiment aber dann doch nicht.   

Das Hauptaugenmerk des Albums liegt vom Opener „Chinatown“ an auf dem exzessiven Einsatz von Trompete und Saxophon, die, konstant im Hintergrund zu hören, besagtes Revival feiern. Dazu schnellt die  Bipolarität der Gesangsparts. Bejars gleichermaßen raue und weiche Stimme fusioniert dabei geradezu perfekt mit dem Backgroundgesang, der nur sehr selten einzeln wahrzunehmen ist und verleiht in Unaufgeregtheit dem Werk die nötige Ruhe, um den clever arrangierten Instrumentalparts nicht gänzlich die Schau zu stehlen.  Unterschwellig, unscheinbar und oft nur in Nuancen wahrnehmbar wird „Kaputt“ mit „Savage Night At The Opera“, der die deutlichsten Parallelen zu 80s Größen wie The Cure aufweist, aber immer funkiger und souliger. Langsam fängt es an zu grooven und der Zuhörer wird auf das große bevorstehende Finale eingestimmt.

Mit „Suicide Demo for Kara Walker“ folgt zuvor noch eine spannende  achteinhalbminütige Quasikooperation mit der amerikanischen Künstlerin Kara Walker, die den Destroyer-Sound im Rahmen einer Mixtape-Produktion zu Ehren des zwanzigsten Geburtstages für Merge Records lieben gelernt hat und in den Nachwehen dieser „Liebschaft“  Daniel Bejar immer wieder kleine Textschnipsel hat zukommen lassen. Nach eigenen Aussagen war das resultierende „Lyrikpuzzeln“ auch für den kanadischen Wuschelkopf aus Vancouver eine besondere und ungewöhnliche Erfahrung. Textlich bewegt sich „Kaputt“ in melancholischen und ehrlichen Gefilden, weit entfernt von Klischees und mit einer erfreulichen Liebe zu kleinen Details, wie dem Wind der durch Bäume rauscht. Romantik und Melancholie müssen sich eben nicht zwangsläufig ausschließen und bedingen sich hier gegenseitig.

Neben anspruchsvollen und experimentierfreudigen musikalischen Passagen gibt es aber auch solche, die einen leider aufgrund der Gradlinigkeit an Fahrstuhlmusik denken lassen, was besonders der Omnipräsenz des Saxophons und dem simplen Beat geschuldet ist. Das Intime wird dann nebensächlich. Glücklicherweise erlebt „Kaputt“, beispielsweise in Songs wie „Downtown“ durch perfekt inszenierte Bassläufe immer wieder spärlich eingesetzte Höhepunkte, die im finalen Elfminütigen Kraftakt „Bay of Pigs“ zusammengeführt werden und das ganze Ausmaß von Bejars Kreativität erahnen lässt.

„Kaputt“ ist eine neue Evolutionsstufe in seinem Schaffen und lässt Rückschlüsse auf seine unverkrampft beobachtende Wesensart zu. Schließlich schreibt und singt er weiterhin nicht für die breite Masse, deren Geschmack ausschlaggebend ist. Wenn es jedoch den Leuten gefällt, umso besser. Erfolgreich will schließlich auch jeder Musiker sein und deswegen haben wir es hier auch nicht mit einem Zufallsprodukt zu tun, sondern mit einem Album, was von Anfang bis Ende genau so konzipiert ist. Auch wenn assoziierte Bands wie zum Beispiel Iron & Wine immer noch ein wenig lebendiger und daher eingängiger sind, ist Destroyer hier möglicherweise ein echter Meilenstein geglückt, der viele Experimente mehr ermöglicht. Softrock ist ab sofort kein Tabu mehr, wenn man Dan Bejar heißt. Hoffen wir, dass auch andere mit dieser edlen Behutsamkeit agieren wie dieser Kanadier. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 28.01.2011

Links: Destroyer | Merge

Anspieltipps

Chinatown, #1
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Poor in love, #5
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Blue Eyes, #2
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Downtown, #7
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Kaputt, #6
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