Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 13/2007

Albumcover

Destroyer
Destroyer's Rubies

Es gibt Bandnamen, die sind so was von selbstklingend, dass sich ein jeder schon beim erstmaligen kurzen Aufhorchen sicher sein kann, worauf er sich einlässt. Es braucht dieser Tage keine mentalen Höchstleistungen mehr, um erahnen zu können, dass eine Band, die ein todschickes „The“ im Namen trägt, wohlmöglich die hippe Indie-Rock-Schiene fährt. Und dass sich Gruppen, die sich züchtig-wohlklingende Namen wie Murderdolls, Slayer oder Cycle Sluts From Hell zuschustern, nicht zur musikalischen Untermalung des Tanztees im Seniorenheim nebenan eignen, dürfte ebenso klar sein. Auch Destroyer ist so ein Bandname, der zunächst den kleinsten Anflug eines Gedanken an filigranes Songwriting und komplexe Melodien im Ansatz verenden lässt – die Liste potenzieller Namensträger scheint jedenfalls lang: Satanisch-kreischende Altherren mit Bierbäuchen, ultrabrutale Schlag-Mich-Tot-Hardcore-Kombos aus NYC, finnische Rechtsrock-Bands. All diesen Herrschaften traut man eine solch scheinbar stumpfsinnige Namensgebung zu. Ohne mit der Wimper zu zucken. Doch weit gefehlt: Wer die vorherigen sechs Platten gehört hat oder tagtäglich im Sumpf von Musikblogs watet, weiß, dass sich hinter Destroyer ein Kanadier namens Daniel Bejar steckt, der alles andere als stumpfsinnig ist.

Wenn man Daniel Bejar denn schon als irgendeine Art von sinnig beschreiben möchte, dann wohl am besten als eigensinnig. Oder wie sonst soll man es sich erklären, dass der balladige Opener „Rubies“ vom mittlerweile siebten Studioalbum „Destroyer’s Rubies“ die Dreistigkeit besitzt, mit einer Spiellänge von über neun Minuten aufzutrumpfen, ohne auch nur eine Sekunde langweilig zu werden? Der Mann scheint schlichtweg keinen Wert auf Marktregularien zu legen: Schon die Wahl seiner Instrumente erfasst mehr als die üblichen Verdächtigen. In bester Manier verschmelzen Bejar und seine fünf, aus dem üblichen Kanada-Umfeld zwischen The New Pornographers und Swan Lake rekrutierten Mitstreiter Gitarre, Bass, Drums mit Piano, Orgel, Blechbläsern und Vibraphon zu einem schrulligen und alternativen Folkmix - und nennen das Ganze dann noch „European Blues“, als ob es diese Musikrichtung schon ewig gegeben hätte. Seine Texte nuschelt der Frontmann übrigens mehr in seinen schwarzen Rauschebart als denn in sein Mikro. Und nachdem der Hörer den lyrischen, angenehm-anspruchsvollen und mit subtilem Humor gespickten Liedzeilen mit Mühe und mit Hilfe des Booklets folgen konnte, wird er hinterrücks von Bejars unzähligen, nicht gerade originellen, aber herrlich-schrägen „Oh-la-la-la-da-da-da“-Gesangseinlagen überfallen. Langsam macht auch die irreführende Namensgebung Sinn. Man möchte meinen, der Kerl habe nicht alle Tassen im Schrank - aber noch hat man den Bonustrack nicht gehört. „Loscil’s Rubies“ erstreckt sich über 23 Minuten und legt minimalistische Elektro-Weltraummusik an den Tag, die dann wirklich mehr als Geschmackssache ist.

Die zehn Songs auf „Destroyer’s Rubies“ (mal vom Bonustrack abgesehen) fügen sich nahtlos aneinander an, aber dass man die Stücke ohne Bruch in einem Durchgang hören kann bzw. möchte, ist nicht zwangsläufig der Fall und stark von der Tagesform des Hörers abhängig. Trotz oder gerade wegen der opulenten Harmonie der einzelnen Tracks untereinander. Viele Songs klingen zwar außergewöhnlich, unterliegen aber oftmals ähnlichen Songstrukturen - so entsteht eine gewisse Unruhe. Hieran knüpft auch das zweite, kleinere Manko der Platte an: So schön, so originell die einzelnen Songs auch sein mögen: Richtige Kracher, die sich aus dem Gesamtwerk herausstechen gibt es nicht. Ein Fünkchen Hitpotenzial können allenfalls das mlancholisch-eingängige „European Oils“ und das stark nach den Pixies riechende „3000 Flowers“ attestieren. Nichtsdestotrotz haben uns Daniel Bejar und seine Mannen ein unperfektes, aber starkes Album beschert, dass vor allem da weiter macht, wo der Standard-Songwriter-/Songsingerkram aufhört. Schon dafür allein haben die Jungs einen Orden verdient. (Patrick Torma, Radio DuE)

VÖ: 16.03.2007

Künstler: http://www.myspace.com/destroyer | Label: http://www.mergerecords.com

Anspieltipps

  • European Oils, Nr. 3
  • Priest´s Knees, Nr. 8
  • Sick Priest Learns To Last Forever, Nr. 10
  • 3000 Flowers, Nr. 6
  • Your Blood, Nr. 2

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