Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2012

Albumcover

d'Eon
LP

Internet sucks up your time. Und doch ist es eine Hassliebe, die Chris d'Eon aus Kanada mit dieser Technik verbindet. Die virtuellen Weiten, die beschleunigte Kommunikation und ein sich auftürmendes Archiv an musikalischen Klängen bieten ein riesiges Reservoir an Inspiration. Zur Not eben alleine vor dem Rechner und aus Mangel an Alternativen und Perspektiven in der Welt, die früher noch als „real“ bezeichnet wurde.

Die Generation an Musikern rund um d’Eon (allesamt in ihren 20ern, mit Grimes arbeitete er vielfach zusammen) kennt derlei Trennlinien zwischen virtueller und realer Welt nicht mehr. Seitdem seine Eltern ihm einen Laptop und ein paar Keyboards geschenkt haben, verwendet er das Internet als sprudelnde Quelle, um mit nerdigem Entdeckergeist das zu nutzen, was sich vor im auftut. Alles blubbert, Beats brummen und Gesänge zerfließen dank Autotune in ein fluides Amalgam aus Text und bloßem Singsang, der so auch immer an die geschmäcklerischen R’n’B-Entwürfe von How To Dress Well oder Autre Ne Veut („Virgin Bodies“) erinnern. D’Eon scheint schon fast überästhetisierend einen Sound weiterzuführen, der seit gut einem Jahr mit Schlagworten wie Digital-Äther-Sound, Hipstergogic und Retromania-Pop unterfüttert wird und, wenn nicht experimentell, dann aber schon als sehr speziell gelten kann, weil sich hier quer mit aktuellem Standpunkt der Gegenwartskultur durch die Musikgeschichte gefressen wird.

Schillernd und süßlich klingt „LP“: Digitale Harfen klimpern, Breakbeats laufen Zickzack, Handystörgeräusche, hohlräumige New-Age-Klänge bauen sich auf und verheddern sich in einem stakkatoartigen Hi-Hat-Dschungel. Manchmal gerät d’Eon ein bisschen zu sehr in die Versuchung, textuell möglichst akribisch und detailliert zu arbeiten, was bisweilen in Hyperaktivität (bei ihm) und Ermüdung (beim Hörer) umschlägt. Zudem: Viele Songs sind seriell gestaffelt, werden in Variation („Transparency“) dargeboten und mit sämigen Keyboard-Flächen episch verbunden, was für meditativen Leerlauf sorgt.

Wenn sich der Kanadier nicht hemmungslose käsigen 80er-Synthies („My iPhone Tracks My Every Move“) und Firmen-Commercials zuwendet, kleistert er seine Tracks am liebsten mit Effekten zu und verortet Stimmen und Klänge im Hall, der hier omnipräsent die Aufnahme klosterhoch und erstaunlich transparent wirken lässt. Dem Raum kommt als Idee aber noch eine weitere Funktion zu, die sich am plausibelsten an der Stimme festmachen lässt, die sich oft zu verflüchtigen scheint und dadurch eine Qualität gewinnt, die zwischen maschinell und androgyn nicht zu unterscheiden weiß, fast bis ins Entmenschlichte reicht. Klanggeworden ist sie körperlos und allgegenwärtig.

Wer nun beim konzeptorischen Setting des Albums auch eine universelle spirituelle Dimension wähnt, liegt ganz genau richtig. Auch textlich geht es neben Alltagsproblemen des digitalen Lebens (das Herz brechende Newsfeed-Meldungen von Exfreundinnen) immer wieder um Göttliches, der Verbundenheit von Dingen und Menschen, um das Verzweifeln, Verwerfen und die Sinnsuche. Manchmal explizit wie in „Al-Qiyama“, oftmals distanzierter, nie aber mit religiösem Pathos und salbungsvollem Flehen, denn „LP“ bleibt vordergründig immer eine aufregend bunte und vor allem zeitgemäße Platte. Nur strahlt eben ihre hyper- und intertextuelle Verweiskraft besonders weit: Das Internet als strukturelles Phänomen wird Konzept und Metapher für die Verbundenheit von Menschen und zur durchdringenden Universalität. So ist „LP“ ein verwirrendes Dickicht aus Verweisen und Klängen geworden, ein unvollständiger Datensatz mit religiösem Kristall, der nach Transzendenz dürstet, sich aber zumindest im Sinnhaften und Popkulturellen verfängt.

d’Eon spiegelt sich und den Pop immer wieder selbst, ohne kommentierend zu wirken. Leerstellen und Widersprüchlichkeit treten ganz plakativ zutage: Man weiß nie so genau, wie ernst d’Eon seine Klangentwürfe nimmt. Startet er mit seinen quasi-religiösen Verweisen ein Erlösungsgesuch oder gilt die Andacht eher den exzessiv und teilweise quietschend gepitchten Vocals („Gabriel“)? Vieles bleibt unklar zwischen Ansätzen posthumanistischer Theorien, PC-Sound-Esoterik und spiritueller Durchdringung. Dazu ätzen obskure New-Age-Synthesizer aus den Randgebieten der Scheußlichkeit bisweilen allzu bunt ins Ohr, um dann, ganz nonchalant, eine Wahnsinnsmelodie nach der nächsten aus dem Laptop-Inneren zu schütteln.

Man kann da bloß die Hände über den Kopf zusammenschlagen oder einfach nur amüsiert und gut unterhalten staunen. Bei dieser aufregenden Platte bestenfalls beides gleichzeitig. Digitales Fruchtland, dieses Internet! (Markus Wiludda, eldoradio*)

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Anspieltipps

Transparency pt. II, #4
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I Don't Want To Know, #10
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Now Your Do, #2
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Al-Qiyama, #14
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Chastisement, #12
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