Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 19/2011

Albumcover

Dels
Gob

"Let’s go back, back, back, to when they used to shapeshift and shift rap back.“ Wie der Hammer des Thor donnerten diese Zeilen im Sommer letzten Jahres auf den Musikmarkt, unterlegt von einem massiven Beat, der nur eines sagen wollte: hier wird zurückgerudert, zurück zu den Wurzeln und den guten alten Tagen. Wer dahinter steckt: ein mit unheimlich viel Vorschusslorbeeren geschmückter junger Kerl aus dem Hafenstädtchen Ipswich, ca. 130 km von London entfernt.

Radiolegende John Peel hatte ihn im zarten Alter von 16 Jahren „entdeckt“, Hot Chip’s Joe Goddard nahm ihn vor einigen Jahren unter seine Fittiche und produzierte einen Teil seiner Beats (u.a. „Shapeshift“), TV On The Radio-Mastermind Dave Sitek remixte den Titeltrack seines Albums, und sein Label, Big Dada Recordings, signt ihn nicht nur gleich vom Fleck weg für drei Alben, sondern bezeichnet ihn zudem als „the perfect Big Dada artist“. Roots Manuva, das gute Gewissen britischen Raps und Big Dada-Urgestein, ist ebenfalls begeistert und greift Dels bei „Gob“ kräftig unter die Arme. Was macht diesen Spross nur so einzigartig? Die lyrische Vielfalt, die von seiner Vergangheit als Prügelknabe bis hin zu detaillierten Vergewaltigungsszenen reichen kann, ist sicherlich einer der Gründe. Vor allem aber scheint die Arbeit mit ihm unkompliziert zu sein, denn neben all den üblichen Freudenbekundungen über die Zusammenarbeit mit Dels bei Big Dada argumentierte der Chef-A&R des Labels, Will Ashton, dass Dels das Artwork und die Videos selbst produziere, was alles schon von vornherein viel einfacher mache. Versierter Rapper und vielgelobter Grafikdesigner in einer Person, wer seine Videos (u.a. Shapeshift) kennt, weiß warum.
 
Doch bloß durch seine Skills als Grafiker wird der Vertrag wohl kaum zustande gekommen sein. Es ist zum einen die Art, wie Dels rappt und zum anderen das Selbstvertrauen und die Coolness mit der er seinen Weg beschreitet. Ohne übertriebene Posen, ohne Goldkette und ohne 24/7 Schwanzvergleich. Augenzwinkernd steht Dels in mahnender Position hinter dem Mic und ruft zur Besonnenheit auf: " Respice, prospice (Learn from the past, look to the future)". Dels Stärke: Die musikalischen Tugenden der Vergangenheit in Einklang zu bringen mit experimentellen Beats außerhalb von Dubstep und allem anderen, was grad offensichtlich trendy ist auf der Insel. Die Beats auf „Gob“ bleiben deswegen größtenteils „strictly hip hop“, jedoch mit deutlichen Ausschlägen in Richtung Indie-Electronica. Das Paradebeispiel: Bei „Shapeshift“ knarzt ein scheinbar kaum zu kontrollierender Synthesizer, zusammengehalten von einem sehr homogenen Schlagzeug-Sound – auf die hoffentlich bald erlebbare Live-Umsetzung in deutschen Clubs und Festivals darf man gespannt sein. Bei „Capsize“, in dessen ersten Takten der bereits erwähnte Roots Manuva „It’s time to stand up!“ hinausschreit und somit dem Jungspund Dels seinen Respekt zollt, harmonieren zwei Generationen von Big Dada-Rappern auf erstaunliche Art und Weise miteinander, untermalt von einem durch unzählige Kompressoren gejagten Jazz-Sample, zu dem sich erneut ein wuchtiger Synthesizer gesellt.
 
Für die Produktion von „Gob“ wurde neben Joe Goddard (Hot Chip), Londons blutjunge aber etablierte Produzentenriege verpflichtet. Ein Zusammenspiel, das zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Den größten Anteil an Beats hat zahlenmäßig der junge Kwes, der schon mit Ghostpoet, Jack Peñate oder The xx zusammenarbeitete, und den der britische Produzente-Pate Matthew Herbert, für seinen „really unusual, experimental approach“ (Kwes programmiert seinen Laptop so, dass er die Tasten wie die eines Klaviers benutzen kann) in den Himmel lobte. Weiterer Player im Dreamteam hinter „Gob“ ist Mica Levi, besser bekannt als Micachu, die bereits 2009 mit ihrem Album „Jewellery“ große Beachtung fand und Dels mit kruden Beats versorgt. Das erfolgreiche Zusammenwirken der besten Kräfte der neuen jungen Musiker-Generation mit den altgedienten Größen aus Großbritannien bescheren ein herausragendes Album, das die ursprüngliche amerikanische Heimat des Rap zumindest für den Moment ziemlich in den Schatten stellt.(Pat Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)
 
VÖ: 06.05.2011
 
Links: Dels | Facebook | Label
 

 

Anspieltipps

Gob, #11
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Shapeshift, #3
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Trumpalumb, #2
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Capsize, #7
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Hydronenburg, #1
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