Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 02/2008

Albumcover

Delbo
Grande Finesse

Es ist kalt geworden in Deutschland. Sehr kalt. Ein eisiger Wind weht uns allen ins Gesicht. Nicht nur wortwörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne, denn das soziale Klima hat sich in der postkapitalistischen Gesellschaft schon lange abgekühlt. Prekariat heißt das vielzitierte Stichwort, das ein Leben fernab von jeglicher Chance auf Festanstellung und gesicherter Zukunft beschreibt.

Die Popkultur hatte hierzulande in der letzten Zeit erstaunlich undeutsche Antworten zu diesem Thema gegeben. Ob trotzig-zynische Absage und Glorifizierung des eigenen Niedergangs á la Tocotronic oder der ironische Galgenhumor der Türen: Im Land der ewig nörgelnden Zweifler und Zauderer wirkten solche Stimmen erfrischend anders. Doch keine Bewegung ohne Gegen-Bewegung, so lautet eine uralte Popweisheit. Das Berliner Trio "Delbo" beschwört auf "Grande Finesse" die Rückkehr zur Innerlichkeit und ist dabei auf so altmodisch-verklärende Weise romantisch, dass man sich zunächst fragt, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Wäre Caspar David Friedrich Musiker und würde heute leben, er wäre wohl Mitglied bei Delbo, so einsam und von allen Myspace-Freunden verlassen stehen die von Daniel Spindler besungenen Figuren in der mollfarbenen Klanglandschaft, "verloren zwischen all dem Bunten."

Doch führt diese Einsamkeit und Entfremdung hier nicht zu Verzweiflung, sondern scheint im Gegenteil gar eine Befreiung zu sein. Erst im beständigen Scheitern, im "sich verpassen, in den wenigen Momenten" wie es in "Moto" heißt, finden die Menschen zu sich selbst. Man könnte es auch die "Sanfte Kapitulation" nennen. Dass dieser Selbstfindungsprozess auch für die Band selbst eine große Rolle gespielt haben muss, hört man dabei an jeder Stelle. "Grande Finesse" ist nämlich schon das vierte Studioalbum der 1999 gegründeten Combo, der neben Daniel Spindler noch Gitarrist Tobias Siebert und Schlagzeuger Florian Lüning angehören. Und es ist das mit Abstand zugänglichste geworden, wenngleich die morbide und störrische Gitarrenarbeit weiterhin das Markenzeichen von Delbo bleibt. Sanfte Pianoklänge und Streicher durchbrechen immer wieder das ansonsten recht homogene Klangbild. Es ist wohl die langjährige Erfahrung, die die drei als Gastmusiker bei so renommierten Künstlern wie Phillip Boa, klez.e und SDNMT gesammelt haben, die nun endlich Früchte trägt. Ob mit "Grande Finesse" nun der große Durchbruch gelingt, steht natürlich in den Sternen. Zumindest beanspruchen sie mit ihrem melancholischen Sentimental-Rock eine Nische, die in letzter Zeit immer seltener gefüllt worden ist. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 25.01.2008

Künstler: http://www.myspace.com/delbo | Label: http://www.loobmusik.de

Anspieltipps

  • Piamo, 01
  • Apricot, 02
  • Moto, 03
  • Belvedere, 06
  • Polo, 09

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