Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 39/2010

Albumcover

Deerhunter
Halcyon Digest

“I'm a very fumbling person. I have no agenda; I have no idea what I'm doing.“ Abtasten, herumfummeln und ausprobieren, aber eigentlich keine Ahnung und Idee haben, was man denn da eigentlich gerade anstellt – das ist nicht unbedingt das Motto als vielmehr die an Hilflosigkeit grenzende und an Entdeckergeist gebundene Einstellung, mit der Bradford Cox seit Teenager-Tagen eremitenhaft die Welt der Musik und des Klanges für sich erkundet. Seit 2005 werden die Ambitionen von Cox, Mitbegründer und Kapitän von Deerhunter (aus Atlanta), in einem konkreten Projekt gebündelt, dass mit der Veröffentlichung des vierten Albums die Herzen der Internationalen Musikpresse zum rasen bringt und weltweit unglaubliche Bewertungen einheimst. 

Die Experimentierfreude zahlt sich wieder einmal aus. Mit „Halcyon Digest“ erscheint nun ein Noisepop-Retro-Werk, bei dem die Entwicklung der Band und der Reifeprozess vordergründig für Melodie- und Klangverliebtheit stehen. Die psychedelischen Elemente und der wüste Krach wurden größtenteils herausgefiltert. Geblieben ist das ungestüme und verwildertete Grundkonzept mit dem die Alben von Deerhunter entstehen, dass Cox oft mit einem Gedankenstrom umschreibt, bei dem das Ende naturgemäß ungewiss ist.
 
„Earthquake“ ist der expositorische Teil des Albums und die Synthie-Stöße, die das Klangbild des Songs fest in der Hand haben, setzen den naturbelassenen und organischen Charakter des Albums ausgezeichnet in Szene und schüren zu diesem Zeitpunkt schon das Verlangen nach mehr. Unterbrochen von arg verzerrten, gehauchten und an Intensivität zunehmenden „I miss you“-Rufen, unterliegen Cox´ Interpretation nach auch Naturgewalten einer gewissen Harmonie. Überhaupt sind die Größen der späten 60er-Jahre nie weit, wenn Deerhunter ihre Gitarren auspacken: Velvet Underground und die Beatles. Immer etwas gebrochen, immer etwas verzerrt und letztlich verletzbarer als es auf den ersten Blick den Anscheint hat. Getrieben von fanatischer Begeisterung für Sound und der Philosophieströmung des französischen Autors und Poeten Jean Genet („To achieve harmony in bad taste is the height of elegance."), mit dem Bradford Cox (der sich nebenbei auch für Atlas Sound verantwortlich zeichnet) nicht nur die Liebe zu bildhafter Sprache teilt sondern auch die der Darstellung von Existenzialismus, läutet „Halcyon Digest“ mit „Memory Boy“ den deutlich fröhlicheren und positiveren zweiten Abschnitt ein. Zauberhafte Melodien („Helicopter“) und vertrackte, rhythmisch treibende Songs mit Ohrwurmpotential reihen sich nun aneinander und machen vor allen Dingen eines: Lust auf Entdeckungen.

Mit zärtlich-dominantem Piano und Barsaxophon in „Coronado“ und der in sich geschlossenen finalen 7:29 Minuten-Widmung an den letztes Jahr verstorbenen Jay Reatard endet das Album passend: Hypnotisch, mit leichter Laptop-Unterstützung, verspult und traumwandlerisch. Dass während des ganzen Albums keiner direkt zündender Hit zu verbuchen ist, ist unerheblich, denn es ist vielmehr die Schizophrenie und das Gesamtbild, das zu begeistern weiß. Ein wenig wehmütig und verzweifelnd in der Wahl der lyrischen Inhalte, etwas träge durch den herausfordernden Garagen-Noise- Ambient-Sound, der sich besonders über die ersten vier Songs erstreckt, aber zeitgleich weitsichtig und verspielt genug um die Spannung kontinuierlich aufrecht zu erhalten, die letzlich mit der stärkeren zweiten Hälfte belohnt wird. Hymnenhafte Melodien schießen plötzlich aus dem Boden und mehrminütige ekstatische Instrumentalparts sorgen immer wieder für überraschende Höhepunkte. Wer glaubt, dass diese Eigenschaften nur schwerlich in einem Album zusammengefasst werden können, wird eines besseren belehrt. Mit Referenzen zu Liars, My Bloody Valentine, Wavves, No Age, Pavement, Grizzly Bear und gelegentlich sogar zu dem lockeren englisch-südafrikanischen Feelgood-Klängen von Vampire Weekend haben Deerhunter ein Album mit Indie-Statthalterqualitäten geschaffen, das jedoch eigenständig genug bleibt. Ein bisschen wehmütig zwar, aber gar nicht mehr so kathartisch aufgewühlt wie noch die letzten Deerhunter-Werke. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 24.09.2010

Links: Band | 4AD

Anspieltipps

Helicopter, # 8
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Memory Boy, # 5
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Coronado, # 10
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Desire Lines, # 6
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Don´t Cry, # 2
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