Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2005

Albumcover

The Decemberists
Picaresque

Wer die Decemberists für retro hält, hat nichts verstanden.

Retro ist, wenn die Generation Golf in überteuerten wiederaufgelegten "Vintage"-Adidasjacken 80er-Jahre-Parties feiert, ostalgische RTL-Shows mit c-prominenten Eintagsfliegen guckt, sich alle Folgen der drei Fragezeichen auf eine einzige CD brennt, bei Ikea Lavalampen, bei H&M Snoopy-Unterwäsche und im Supermarkt Africola kauft, die YPS-Hefte wieder herauskramt, Pac Man spielt, Schwarz-Weiß-Poster mit Elvis drauf in der Küche hängen hat, Musik von wahlweise schwedischen oder britischen Möchtegernmods in schwarzen Anzügen hört und mit Freunden Dallas-DVD-Abende veranstaltet. Retro nervt.

Wer die Decemberists für hoffnungslos altmodisch hält, hat recht.

Altmodisch ist, wenn MacBeth, Schneewittchen, Jack The Ripper, Don Quichote, der Froschkönig, Sergeant Pepper und Till Eulenspiegel in einer alten Burg am Kaminfeuer sitzen und einem Minnesänger lauschen, in einer Hafenkneipe gemeinsam mit russischen Seefahrern auf den Tischen Polka tanzen, auf verwackelten Schwarz-Weiß-Bildern in gestreiften 20er-Jahren-Badeanzügen in die Nordsee springen, in einer Dampflok durch die Welt fahren, in einem englischen Park zusammen mit Mary Poppins Enten füttern, mit Phileas Fogg und Passepartout eine indische Prinzessin befreien, kratzende Schallplattenmusik per Grammophon hören und sich bei ihrer Oma zum Apfelkuchenessen treffen. Altmodisch ist wunderbar.

Auf ihrem dritten Album "Picaresque" erzählen die Decemberists ihre ganz eigenen altmodischen Geschichten. Mal geht es um eine spanische "Infanta", mal um "Eli, The Barrow Boy", der für seine tote Geliebte ein Seidenkleid kaufen will, mal um das Schicksal all jener, die beim "Sporting Life" nicht mithalten können, mal um "16 Military Wives", von denen fünf ihre Männer im Krieg verlieren, mal - im fast 9-minütigen "Mariner´s Revenge Song" - um einen Seemann, der sich für seine verstorbene Mutter an deren Liebhaber rächen will, mit dem zusammen er im Bauch eines Wals sitzt...

Verpackt in eine reiche Instrumentierung, die dennoch nie überladen wirkt, sind die elf Songs auf "Picaresque" pikaresk, grotesk, burlesk und - dank Colin Maloys sehr eigenwilliger Stimme - vor allem immer sehr decemberesk. Produziert von Chris Walla von Death Cab For Cutie ist die erste Veröffentlichung der fünf Amerikaner auf Rough Trade Records ein perfektes Indie-Folk-Pop-Album geworden. Und das unglaublich altmodisch und komplett retrofrei. (Britta Helm, Radio Q)

Künster: www.decemberists.com, Label: www.roughtraderecords.com

Anspieltipps

  • 16 Military Wives, # 7
  • The Engine Driver, # 8
  • Eli, The Barrow Boy, # 3
  • We Both Go Down Together, # 2
  • The Sporting Life, # 4

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