Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 28/2005

Albumcover

Death From Above 1979
You´re A Woman, I´m A Machine

»Von wegen!« möchten man den besserwisserischen Vulkanologen entgegenschleudern, »Toronto gilt ab sofort zu den höchst gefährdeten Gebieten vulkanischer Aktivität!« Und Schuld daran ist allein ein infernalisches Duo, das seinem angestauten Überdruck zu einem Ausbruch größter Brachialität verhilft. Entkommen ist angesichts der Lage ein aussichtsloses Unterfangen.

Donnergrollend durchbricht das brodelnde Magma die Kruste, explodiert und verschlingt alles Leben bis rücksichtslos hart geschlagene Drums den Vormarsch zu stoppen vermögen. Death From Above 1979, das ist die kanadische Krachlawine, der hyperventilierende Indie-Noise-Vulkan. Ein druckvolles Groove-Geröll, so dynamisch wie anarchisch, so vertrackt wie trocken. Laut und verzerrt wird der Frustration lautstark und konfrontativ Luft verschafft. Den Widerständlern bleibt dabei kaum Zeit zum Durchschnaufen – der Rhythmus-Bass von Jesse F. Keeler peitscht unbarmherzig voran. Zuvor hat er kurzerhand allen Sechssaitern den Krieg erklärt. Denn der Minimalismus, der schon die White Stripes den Verzicht üben lies, treibt bei DFA 1979 die Entwicklung auf die Spitze: Schlagzeug, Bass und vereinzelte Synthie-Elemente tragen als Skelett alle Songs, ohne dass sich die Reduktion im Sound niederschlägt. Im Gegenteil. Die Drumparts knüppeln energisch und der Bass setzt extaktische Breaks. »You´re A Woman, I´m A Machine« macht Ernst, ist die Essenz, die Reinheit, gitarristisch-geprägter Rockmusik. Eben so ursprünglich und gefährlich wie ein unerwarteter Vulkanausbruch. Und mindestens so faszinierend.

Verwegen ist auch die Vorgeschichte, die Sebastian Grainger und Jesse F. Keeler zum ersten Mal im Staatgefängnis aufeinander treffen lässt. Es sollte sich eine intensive freundschaftliche Beziehung entwickeln, die auf der Bühne und im Studio im Unwägbaren gehaltene Abrechnungen am laufenden Band produzieren sollte. Gescheiterte Beziehungen: Fuck Off. Alle anderen: Fuck Off. Man verliert nicht viele Worte. Fuck Off auch James Murphy, der seinem New Yorker DFA-Label die Verwechslungsgefahr ersparen wollte und so die Band zum Namenzusatz »1979« zwang - was die scharfkantige Coolness aber nur weiter unterstützt. Eine ausgediente Bestattungshalle als Wohnzimmerersatz sorgt dabei jederzeit für gehaltvolles und stilechtes Ambiente und dient als Inspirationsquell. Immer im Halbschatten gelegen.

Kaum eine andere Band in diesen Tagen versteht es, solch ein gehöriges Maß an Unberechenbarkeit in die Songs zu legen, dass sie sich womöglich selbst noch überrascht. In alle Songs wird hereingestolpert mit Wucht und einer Hybridness aus Tanzflurorientiertheit und chaotischem Gemoshe, die den Staub dreckigster Kellerklubs in die Radausongs implementiert, als wolle man extaktische Zuckungen zur alles durchziehenden Maxime erheben. Ob nun die stampfenden Single »Romantic Rights«, das Bassgewitter mit Anlauf auf »Little Girl« oder die fast poppigen Klänge von »Black History Month« - das alles würde ins Leere laufen ohne etwas Essenzielles: die eigene Aura des Unscharfen, des Mysteriösen, des Verschwommen-Gefährlichen. Die Lauerstellung. Der Moment vor dem erneuten Ausbruch. Und die unvoreingenommene Ekstase.

So entbehren die Livedarbietungen auch jeglichem Kontrollmoment. Leidenschaftlich und selbstsicher werden sich die Fingerkuppen blutig geschürft und ganze Brocken aus dem Boden gerissen, bis nur noch lange Furchen verharren. Dumpfe Brocken, an denen manch einer sicherlich länger schlucken muss –auch auf dem Deutschland-Debüt. Vieles erinnert an die bullige Dynamik der Blood Brothers oder ähnlich gelagerter Bands. So intensiv verfällt man in zugedröhntes Gewüte. Mit dem extra Kick, dass das Duo die Tanzbarkeit und Catchiness nur gegen den Strich bürstet und nicht komplett dem Würgegriff der Dunkelheit und Bedrohung ausliefert. Hier unterwandern konstant Melodien und Rhythmus das verzerrt-verwaschene Geschehen.

So verfinstert das Firmament auch nicht angesichts dieses permanenten Vulkanausbruchs, der Giftiges speit, donnergrollt und Gesteinslawinen dem Abgrund entgegenschleudert. Ein perfides, höchst hedonistisches Spektakel! Und Vorsicht! Da wird auch schon das nächste ungeschliffenes Marter-Riff für den Dancefloor eruptiert und danach Blut auf den Boden gerotzt. DFA 1979 hinterlassen eine Kraterlandschaft dampfend verbrannter Erde. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.deathfromabove1979.com, Label: www.679recordings.com

Anspieltipps

  • Romantic Rights #02
  • Black History Month #06
  • Cold War #08
  • Little Girl #07
  • Blood On Your Hands #05

Hier könnt Ihr Death From Above 1979: You´re A Woman, I´m A Machine - Silberling der Woche 28/2005 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar