Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2008

Albumcover

Dave Aju
Open Wide

Dick auftragen kann jeder. Und immer zeugt die Unverhältnismäßigkeit von Unsicherheit und Geschmacksirritation, die ihre Ausformungen auf unterschiedlichste Weise finden. Beim Bewerbungsgespräch verrät das „Bisschen Mehr“ die unausgewogene Selbsteinschätzung, bei der Partnersuche entpuppt sich das protzende Männchen oft als eher kurzschwänzig. Aber auch auf ästhetischer Ebene ist der Trend zum Mehr ein Phänomen, was durchaus viel über soziale Einwirkungen und Erfahrung in ästhetischen Kontexten verrät. Im Ramschkaufhaus finden beispielsweise die goldverzierten Kitschtässchen immer den reißendsten Absatz, denn das Prekariat sehnt sich nach Harmonie und Wohlbefinden. Mitten im pompös ausstaffierten Plunder bauen sie sich ihre Glücksgrube und markieren ihre Identität mit penetrant müffelndem Parfüm.

Reduktion und Schlichtheit ist also ein Luxus, den zu leisten es einen gewissen Grad an Selbstvertrauen, Geld und Understatement voraussetzt. Und das ist alles völlig wertfrei zu verstehen. Vor allem in der elektronischen Musik ist der intuitive Ansatz des Offensichtlichen und Muskulösen durchaus eine Option - aber gerade in den letzten Jahren waren vermehrt die unterkühlten und skelettierteren Platten Konsens im Popdiskurs. Auch Dave Ajus Debütalbum atmet eine Atmosphäre der Aufgeräumtheit und Übersichtlichkeit. Kein Track, der mit aufgepumpten Bässen oder flackender Hektik Aufgeregtheit verbreitet. Schon gar nicht ist „Open Wide“ mit synthetischen Farbstoffen vollgepumpt und will mit Penetranz punkten. Alles bewegt sich in dynamischen Flüssen, die in die unterschiedlichsten Richtungen stieben. Was die Songs eint, ist ihre Inkarnation als Housemusik der Jetztzeit.

„Anyway“ pulsiert mit rundlichen, shuffelnden Beats und den lakonischen Partyvocals von Lil Louis und Sun Ra. Fast nachbarschaftlich wirkt dieser Track und setzt Akzente in Freundlichkeit und guter Laune. Überhaupt sind Stimmen allgegenwärtig – und sei es in zerdehnter Form des nach Dub-England schielenden Openers „Roundabout“, die von der Dreidimensionalität der raumschaffenden Konstruktion aufgesogen werden. Mit „Bump“ wird daraufhin an die feinmaschige Verstrickungen von HipHop und Elektronik erinnert, bis das elektrostatisch aufgeladene „Crazy Place“ die Lichter zum flackern bringt. Microdub, Disco, Wave jagen vorbei, in Ahnungen und subtilen Andeutungen, aber immer mit der nötigen Eleganz. Schicke Halbdunkel-Beats zeugen von seinem Können – alles wirkt kompakt und tight, dabei niemals angestrengt. Eher im Gegenteil: „Open Wide“ ist vollends lässig und dadurch wunderbar zugänglich und nahbar.

Mit „Tarpatio“ wagt sich der Künstler aus San Francisco aber dann doch in gefährliche subsonische Tiefen, in Gefilde, in denen der Sound anfängt, körperlich zu wirken. Wummernde Bässe und eher experimentelle Klickerklänge unterbrechen ein wenig die feingeistigen Stimmungen und provozieren aggressivere Szenarien urbaner Konflikte. "Open Wide“ hingegen ist mit seinem miniaturisierten Geklapper und der quietschenden Geräuschlast ebenso wie die zerquetschten Beats von "With You" sicherlich eher ein Kandidat für den Kopfhörer als den Klub, aber das zeichnet ja ein vielfältiges Album aus. Denn bekanntlich potenzieren mehrfache Lesbarkeit und Einsatzmöglichkeiten Haltbarkeit und Hörgenuss. Überhaupt lässt das Fehlen von flächigen Mustern und epischer Architektur dieses Album eine gewisse Zeitlosigkeit atmen.

Zwischendurch vermisst man vielleicht den ein oder anderen packenderen Spannungsbogen, mehr emotionale Tiefe oder etwas komplexere Verschachtelungen. „First Love“ weiß sogar als zäher Sechsminüter die Euphoriebremse geflissentlich durchzudrücken. Dennoch verbuchen auch hier die detailverliebt mit dem heißen Eisen geplätteten Beats, die auf die Unebenheiten des Tracks losgelassen werden, einiges an eisbrecherischer Coolness, die sich wie ein roter Faden durch die acht Tracks samt aufgeregtem, aber nicht unbedingt unverzichtbaren Luciano-Remix zieht. Die Selbstgewissheit und Überlegtheit halten sich hier exzellent die geschmäcklerische Waage. Kein Gramm zu viel, kein Gramm zu wenig. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 10.10.2008

Künstler: http://www.myspace.com/daveaju | Label: http://www.circusprod.com/circuscompany/CIRCUS_COMPANY.html

Anspieltipps

  • Crazy Place, Track 3
  • Open Wide, Track 6
  • Roundabout, Track 1
  • Anyway, Track 7
  • Bump, Track 2

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