Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 44/2003

Albumcover

The Darkness
Permission To Land

Der Ursprung aller schlimmsten Albträume:
Vier breitbeinige Briten in hautengen, zebragestreiften Spandex-Stretchanzügen mit extra viel Brust frei. Dazu schulterlange Dauerwellen und Charles-Bronson-Gedächtnis-Schnauzer, Schweißbänder und Pelzmützen. Gekrönt von einer dicken Portion Kayal und ordentlich Haarspray. Das Grauen schlechthin!

Musikalisch gibt es gar noch eine Steigerung. Artifizieller Hardrock mit übertrieben theatralischer Spannung und einem Frontmann, der sich enuchenhaft fistelnd mit überschlagenden Falsetts seiner Über-Präsenz bewusst ist: Zeit für exzentrische Selbstverliebtheit und ausgiebige hedonistische Feierei.
Wie zu den Hochzeiten des glamourösen Rocks tief in den Achtziger Jahren mit Def Leppard und Queen jagt auf „Permission To Land“ ein Riff den nächsten, folgt einem zuckersüßen Chorus dem anderen, so dass die Schmerzgrenze zur kitschigen Pathetik und Peinlichkeit schnell überschritten ist.
Wenigstens für alle die dachten, schmalzige „Meat Loaf“-Songs, schlagerhafter „Abba“-Pop und klischeehafter „Kiss“-Partyrock wären Relikte einer unrühmlichen Vorzeit, wird mit „The Darkness“ ein schmerzlich bekanntes Phänomen wiederkehrend vor Augen geführt.

Diese Platte hier ist randvoll mit berechenbar altbackenen Poser-Sounds und garantiert frei von Stil und Charme. Dieses Album ist nicht anspruchsvoll, überlegt und originell. Schon gar nicht sophisticated, doppeldeutig oder intelligent.
Es geht einzig und allein darum, die übermäßig strapazierte Ernsthaftigkeit der heutigen Rockattitüde ihrerseits als reaktionär zu entlarven und die Unterhaltungsfunktion der Musik in den Vordergrund zu rücken.
Das tut man im Fall von „The Darkness“ mit einer Armada von Verstärkern, einem mehr als lächerlichen Outfit, der Wiederbelebung von Soli auf Zwillingsgitarren, Synthesizern, einem bombastischen Schlagzeug und der sich überschlagenden Fistelstimme des androgynen Sängers. Hairspray-Metal as its best!

Simpel gestrickte Refrains „Black Shuck, Black Shuck, Blaack Shuuck, That Dog Don´t Give A Fuck” und maßlos übertrieben hingejaulte Chöre á la “Ooooh, Oh, Oh, Oh, Oh, Oh, Oooh, Givin´ Up; Givin´A Fuuck“ lösen jeglichen Restzweifel in Luft auf:
Diese Band ist so durchgeknallt, dass man hier allerseits eine tiefgehende Betrachtung des Inhalt als Überfluss erachten muss. Aber wir wussten ja schon lange, dass manchmal die Verpackung den Inhalt an Faszination und Interesse übertrifft...
Und da liegt eindeutig die Stärke von „Permission To Land“. Die vier Briten präsentieren ihr Werk nicht mit einem ironischen Augenzwinkern und parodieren somit ihr Schaffen –nein- frei von aller Distanz strotzen sie vor Unbekümmertheit und Authentizität. Aufgewachsen in der ländlichen Umgebung von Suffolk Town versuchte sich der Kern der Band –die zwei Hawkins-Brüder – zunächst als 80s Coverband, bis 1999 die entgültige Formation der „Dunkelheit“ gefunden war. Während die meisten ihrer Weggefährten sich an Bands wie den „Stone Roses“ oder „Sonic Youth“ orientierten, machten sie nie aus ihrer passionierten Hingabe zu zündenden Melodienbögen und überkandideltem Rock ein Geheimnis.
Herz statt Hirn. Rock für Stadien statt fürs Wohnzimmer. Folglich heißt das in aller Konsequenz aber auch: Mainstream statt Indie-Startum.
Über 600.000 verkaufte Alben binnen vier Wochen in der britischen Heimat und restlos ausverkaufte Tourneen sprechen eine eindeutige Sprache.
Es scheint mal wieder Zeit zu sein für die Renaissance eines längst tot geglaubten Genres. Zeit für brachiale Riffgewitter, zu denen man die geballten Fäuste energisch zum Hallendach recken kann. Für sinnfreie Textpassagen, die man ohne jegliche intellektuelle Barriere beim ersten Hören mitgrölen kann. Für Spaß. Tanzen. Abfeiern. Und Durchdrehen.

„Permission To Land“ ist keine Platte für Jedermann; ist kitschig, klebrig und saugeil. Ist Triumph und Niedergang des Rock´n´Roll in einem.
(Markus Wiludda, elDOradio)

Anspieltipps

  • I Believe In A Thing Called Love #4
  • Givin´ Up #6
  • Get Your Hands Of My Woman #2
  • Growing On Me #3
  • Love On The Rocks With No Ice #9

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