Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 42/2013

Cover: Danny Brown - Old

Danny Brown
Old

"Als ich anfing "Old" zu machen, habe ich versucht Künstler zu finden, die großartige Reviews bekamen und dann mit einem Album, das genau so gut oder noch besser war, zurückgekommen sind", erklärte Danny Brown den Entstehungsprozess seines dritten Studio-Albums. Dass die einzige Band, die ihm dabei einfiel, Radiohead heißt, zeugt sicherlich von gesundem Selbstbewusstsein. "Wenn "XXX" (Brown's Zweitwerk) mein "OK Computer" war, dann müsste ich als nächstes mein "Kid A" machen", war die Schlussfolgerung die Brown, bürgerlich Daniel Dewan Sewell, daraus zog. Die Messlatte war also nicht gerade niedrig angelegt.

 
Die Erkenntnisse, die Brown aus dem Selbstvergleich mit Radiohead zog, wurden schließlich zum Rückgrat des Albums: "Bei Kid A nahm ich für mich mit, dass es nicht so sehr um die Texte geht, sondern darum, wie sich der Beat anfühlt, also um die Produktion", sagte der Detroiter Rapper im Interview mit "Pitchfork". Warum es also letztlich so lange gedauert hat, das Album zu machen? "Ich habe auf die perfekten Beats gewartet. Und ich habe sie bekommen." Soviel also zur Entstehungsgeschichte von "Old", das sich, ganz Konzeptalbum, in eine "Side A" und eine "Side B" aufteilt.
 
Side A ist charakteristisch für den alten Danny Brown, eine Drogendealerkarriere bereits hinter sich - schließlich braucht man ja Themen für die Texte. Der quasi-Opener "The Return" ist dabei ein Lehrbuch-HipHop-"I'm Back"-Kracher, bei dem man sich aber leider fragt, ob sich auf das Wort "Nigga" nicht vielleicht auch etwas anderes reimt als, richtig, "Nigga". Wie man also erfährt, setzt sich Brown mit seinem alten Ich auseinander, das er eigentlich hinter sich lassen möchte, ihn aber immer wieder einholt ("Return of the gangster cause niggas want that real/ Want that old Danny Brown but nigga I'm like chill").
 
Neben Freddie Gibbs helfen Brown auf dem ersten Teil der Platte auch Schoolboy Q ("Dope Fiend Rental") und die auf den ersten Blick wenig passenden kanadischen Elektro-Popper von Purity Ring ("25 Bucks"). Unterlegt von einem deftigem Dirty-South-Beat harmonieren die Stimme von Purity-Ring-Frontfrau Megan James und Browns düstere Vergangenheitsbewältigung überraschend gut. Das mit choralem Beat und mit hektischer Hi-Hat unterlegte "Torture" schreit einem die Message vom ersten Teil von "Old" geradezu ins Gesicht: "And it's torture/ Look in my mind and see the horrors/ All the shit that I've seen/ Nigga, it's torture" im Refrain wirkt aber keineswegs wie der krampfhafte Versuch ein Image zu pflegen, sondern schafft die Tiefe, die man vor allem auf dem zweiten Teil der Platte vermisst.
 
Als hätte die Platte danach eine ordentliche Anzahl Aufputschmittel intus, rappt Brown nicht nur wesentlich schneller auf die fordernden Beats, sondern entweder nur noch in Kopfstimme oder unter Einfluss von Helium. Allein die Titel verraten jetzt schon, in welche Richtung es geht: "Dubstep" mit einem hyperaktiven Co-Rapper Scrufizzer im Feature und "Smokin & Drinkin" sprechen eine genau so eindeutige Sprache, wie "Kush Koma", also Marihuana-Konsum bis zur Bewusstlosigkeit. Neben Browns Labelchef A-Trak auf "Smokin & Drinkin" gibt sich auf "Kush Koma" auch noch A$AP Rocky die Ehre. Auf "Dip" zeigt sich dann auch, wen Brown sich für die zweite Hälfte seines Drittwerks zum Vorbild genommen haben könnte, zitiert er doch den Hochnäsigkeits-Überkracher "Niggas in Paris" von den Altmeistern Jay-Z und Kanye West. Dabei klingt Side B insgesamt sogar noch aufgepumpter als das zitierte Album "Watch The Throne" von West und Jay-Z, eben weil Brown tatsächlich sehr übertriebene Beats verbaut hat.
 
Letztlich hat Brown abgeliefert, das Album wird den Erwartungen mehr als gerecht. Die innovativen Beats könnten aber beim oberflächlichen Hören leicht als zu übertrieben abgetan werden, ebenso erschließt sich die lyrische Tiefe von "Old" nur sehr aufmerksamen Hörern (die im Zweifel nebenbei die Lyrics mitlesen). Im Endeffekt hat Brown zwei Alben geliefert: Eins nachdenklich, düster und voller Gangster-Attitüde und eins augenzwinkernd, voller Party, Drogen und Sex. Da fragt man sich unweigerlich, was Brown wohl auf Longplayer Nummer Vier auffahren muss, um die Erwartungen der Kritiker und wahrscheinlich auch seine eigenen zu erfüllen. Der Hype, der dem Album vorausging, wird durch die Veröffentlichung jedenfalls nicht kleiner.(Paul Crone, eldoradio*)

Anspieltipps

The Return (feat. Freddie Gibbs), #2
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25 Bucks (feat. Purity Ring), #3
Link:

Torture, #7
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Smokin & Drinkin, #14
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Dip, #13
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