Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 20/2006

Albumcover

Danielson
Ships

Sieg auf hoher See: Der ehemalige Kreuzfahrer Daniel Smith liefert sein bestes Album seit neun Jahren ab und schlägt sämtliche Epigone im Handumdrehen in die Flucht.

Mal ehrlich: So richtig toll waren die letzten Alben von Daniel Smith nicht. Ob nun "Brother To Son", das er unter dem Namen Br. Danielson herausbrachte, "Fetch Compass Kids" oder die beiden Alben aus der Tri-Danielson!!!- Reihe, die er zusammen mit seiner Danielson Famile aufgenommen hatte, konnte so richtig überzeugen. Das lag vor allem an seinen beiden sensationell guten ersten Alben. "A Prayer For Every Hour", ein auf CD gebanntes 24-teiliges Gebetsbuch mit ersten Kostproben seiner unglaublichen Stimmakrobatik und einer intensive Instrumentalisierung, die fast die Nerven raubt, war 1995 neben seinem Erstling auch seine Diplomarbeit, für die er an der Rutgers University in New Jersey die Bestnote erhielt. Eine Steigerung erfuhr dieser Wahnsinn 1997 mit dem Nachfolger "Tell Another Joke at the Ol´ Choppin´ Block", der bis heute als eine der besten Veröffentlichungen von Tooth & Nail Records, Heimat der Danielson Famile bis 1998, gilt. So gut hat bis heute noch niemand christliche Gospelmusik mit nordamerikanischer alternativer Popmusik kombiniert.

Inzwischen hat sich viel verändert bei Daniel Smith. Dem christlichen Label Tooth & Nail hat er längst den Rücken gekehrt und nach dem letzten Famile- Album mal eben "Seven Swans" von Sufjan Stevens mitproduziert. Sein größtes Projekt, "Danielson - A Family Movie", ist im Januar nach fast fünfjähriger Arbeit fertig gestellt worden.

Nun also "Ships". Ein Album, auf dem alle Künstler vereint werden sollten, mit denen Daniel jemals zusammengearbeitet hat. Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert: Das Cover ist einfallsreich und kunstvoll wie immer gestaltet. Diesmal ein Blick in den Sternenhimmel. Schließlich muss das Schiff auch nachts sicher navigiert werden. Daniel lässt eben keine Pausen zum Verschnaufen zu. Auch musikalisch beginnt fast erstmal alles so, wie man es aus früheren Zeiten gewohnt ist. An schlechten Ideen für einen Opener hat es Daniel noch die gemangelt, und so beginnt er wieder mit hoher Stimme seine Geschichte zu erzählen. Doch schon nach wenigen Sekunden setzt eine orchestrale Begleitung ein, die ihresgleichen sucht. Sie schafft es, den Zuhörern schon direkt am Anfang das Gefühl zu vermitteln, auf Daniels Schiff ganz oben im Aussichtsmast zu sitzen, während es langsam wieder ablegt und an Fahrt aufnimmt. Trotzdem ist "Ship The Majestic Suffix" so unaufdringlich, wie ein Song eben nur sein kann. Irgendwie deutet sich jetzt schon an, dass "Ships" eine fantastische Reise für die bereithält, die sich darauf einlassen wollen.

Denn einfach zu hören ist das Album mit Sicherheit nicht, was sich spätestens bei den Songs zwei und drei herausstellt. Mag Daniel auch die Inhalte und die Musik im Vergleich zu früher etwas geändert haben, seine Stimme bleibt die alte. Und an ihr werden sich immer noch so manche stoßen. Nach den ersten drei Songs gibt es inhaltlich auf den ersten Blick einen Bruch. Daniel scheint das Schiff zu verlassen und sich vorerst auf anderes konzentrieren zu wollen: "Did I Step On Your Trumpet" ist zuerst einmal einer der besten Songs auf dem Album, zum ersten mal treten im Chor Mitglieder der Famile in Erscheinung, und wahrscheinlich sogar der beste Popsong überhaupt in diesem Jahr. Darüber hinaus ist er aber auch eine bittere Anklage gegen all die klebrigen OC-California-Bands, die erst seit fünf Jahren Musik machen und nach außen hin das hehre Ziel vorgeben, den klassischen nordamerikanischen Indie in Würde zu vertreten weiter zu entwickeln, in Wirklichkeit aber nur das Ziel haben, möglichst "crazy" und anders zu erscheinen, um so schnell wie möglich Erfolg zu haben. "Pleasing people is so predictable/ We love you now". Mit messerscharfen Lyrics und einem Song, wie ihn The Subways oder We Are Scientists niemals, aber auch wirklich niemals, hinbekommen würden, steckt Daniel alle in die Tasche. Spätestens jetzt sind alle gegnerischen Flotten versenkt, so dass sich Daniel anderen mehr oder weniger wichtigen Schlachtfeldern widmen kann.

Zum Beispiel der Liebe. "When It Comes To You I´m Lazy" ist vermutlich das einfühlsamste Lied, das Daniel je geschrieben hat. Wer zuvor bezweifelt hat, dass er "richtig" singen kann, wird hier endgültig eines Besseren belehrt. Größtenteils nur von einer Gitarre begleitet, zieht er sämtliche Register. Nicht mehr laut und aufbrausend, sondern melancholisch und sanftmütig. Insgesamt genau zwei Songs lang, was aber auch genug ist. Denn seine Stärken hat "Ships" klar in den ausschweifenden und hektischen Songs. In "My Lion Sleeps Tonight" ist Daniel dann auch schon wieder ganz der alte. Besonders schön hierbei: Die krachigen Noiseparts am Ende.

Mit "Ships" ist Daniel Smith ein großartiges und mitreißendes Werk gelungen. Und als solches darf es sich auch einen Ausreißer nach unten erlauben. Bei "Kids Pushing Kids" fragt man sich allen ernstes, was in Daniel gefahren ist. Etwas so Langatmiges und lustlos Vorgetragenes hat das Album einfach nicht verdient. Irgendwo im letzten Drittel versteckt ist er daher schon sehr gut platziert. Denn gegen Ende nimmt "Ships" wieder richtig Kurs und segelt, als hätte es diesen Lapsus nicht gegeben, majestätisch seinem Ziel entgegen und endet mit "Five Stars And Two Thumbs Up" mit einer zum Heulen schönen Hymne an die Freundschaft. Danke! (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

Künstler: http://www.danielson.info | Label: http://www.secretlycanadian.com

Anspieltipps

  • Did I Step On Your Trumpet, Track 4
  • Cast It At The Setting Sail, Track 2
  • Five Stars And Two Thumbs Up, Track 11
  • Ship The Majestic Suffix, Track 1
  • He Who Flattened Your Flame Is Getting Torched, Track 10

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