Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 14/2011

Albumcover

Daedelus
Bespoke

Glitzernde Reklameflächen, das ohrenbetäubende Klingeln der einarmigen Banditen von allen Seiten und leichte Mädchen - genau das macht Las Vegas aus. Ungefähr 455 Kilometer und ein viereinhalbstündiger Roadtrip trennen Alfred Darlington, besser bekannt als Daedelus, von der Stadt der Sünde. Ein Katzensprung für Amerikaner. Der in Santa Monica geborene und arbeitende Künstler schickt uns mit der Singleauskopplung „Suit Yourself“ in die Wüste, ins alte, glamouröse Las Vegas.

Es ist das Las Vegas der 70er Jahre, in dem die Frauen lange, mit Pailletten verzierte Abendkleider trugen und die Männer, mit denen sie über den Las Vegas Strip flanierten, Taschenuhren und Einstecktücher noch als selbstverständlich erachteten. Die Trompeten und Bläser verleihen dem Sound von „Suit Yourself“ einen Schuss Nostalgie und erinnern an die Zeit der beschriebenen Dandys à la Howard Hughes. Der Großindustrielle mit der Leidenschaft für Luftfahrttechnologie (die ihm bekanntermaßen zum Schluss sprichwörtlich das Genick brach) war es auch, der Las Vegas zu neuem Glanz verhalf, als er Ende der 60er Jahre anfing, sich ein Imperium an Casinos aufzubauen, das ihn 300 Millionen US-Dollar kostete. Doch Hughes war auch ein Gentleman alter Schule, genau wie Daedelus, der überwiegend in feinen Maßanzügen auftritt und als echter Dandy der DJ-Szene gilt. So ist es nicht verwunderlich, dass er für das Albumcover zu „Bespoke“ die Innenseite eines Jacketts als Bildmotiv wählte. Mit Uhrtäschchen, versteht sich.
 

Tailor-Made by Daedelus

Dandy Daedelus feiert gern die Vergangenheit und so ist der Einstieg mit „Tailor-Made“ eine Reminiszenz an den House der 90er Jahre und wird durch die Vocals vom kanadischen Electro-Künstler Milosh noch aufgewertet. Der Uptempo-Nummer, die den Frühling nicht besser einläuten könnte („What a beautiful day“) folgt der Bruch: „Sew, Darn, Mend“ ist im Gegensatz dazu weniger rasant und lässt Britpop-Anklänge durchscheinen, die an Travis erinnern. Was nicht unbedingt gut ist.
 
Dafür überrascht der Multiinstrumentalist Daedelus auf „Penny Loafers“ mit einer wirren psychedelischen Nummer, die gerade wegen Inara Georges betörenden Gesangs stundenlang im Ohr festsitzt. Georges glockenhelle Stimme, die sich in Frequenzbereiche einer Operndiva steigert, in Verbindung mit weichen House-Beats und ordentlich Störfeuer kreieren einen Song, der sich zwar auf schon mal Dagewesenes beruft, jedoch durch die ungewöhnliche Verbindung sehr progressiv ist. Genau diese Gabe zeichnet Daedelus aus: Er dekonstruiert und rekonstruiert, wie es ihm gefällt und schafft damit etwas nicht zuvor Gehörtes. Das ist auch seinem Monome geschuldet, ein quadratischer Kasten mit einer Vielzahl an akkurat angeordneten Knöpfen, mit dem sich MIDIs abspielen lassen. Als Pionier des Monome verzichtet er bei seinen Shows selten auf den kleinen Kasten, denn der macht seiner Meinung nach, den langwierigen Prozess seiner elektronischen Arbeit erst sichtbar, auch wenn manche das Gerät schlicht als „cheating“ bezeichnet haben. Aber Daedelus hat mit seiner Hilfe eine völlig neue Art der Elektronika erfunden: Kleinteilig und vielschichtig.
 
So ist auch sein Künstlername nicht zufällig gewählt. In der griechischen Mythologie war Daidalos, oder lateinisch Daedalus, ein meisterhafter Erfinder. Aber nicht nur Alfred Darlington aka Daedelus machte Gebrauch von der Sagengestalt. Zuvor war es schon James Joyce, der sein literarisches Alter Ego Stephen Dedalus nach ihr benannte. Dedalus, der sich von den ihm auferlegten Netzen befreien wollte, um fliegen zu können. So macht es Sinn, dass Darlington sein Debütalbum mit „Portrait of the Artist“ betitelte, eine offensichtliche Hommage an den Joyce Klassiker „A Portrait of the Artist as a Young Man“. Genau wie Joyces Dedalus will auch der Kalifornier Daedelus sich von den gängigen Normen des Musikschaffens befreien und durchstreift dabei so manches Genre. So auch bei „What Can You Do“, das durch seinen Latin-Einfluss heraussticht und mit Hilfe von den Rap-Einlagen von Busdriver immer mehr an Tempo gewinnt. Daedelus breites Musikwissen schimmert in diesem beschwingten Song am meisten durch und erinnert an manchen Stellen sogar an Barry Manilows Evergreen „Copacabana“.
 
Doch gleich nach dieser Aufforderung zum Tanz folgt der Downer „French Cuffs“, der aber nicht langweilig ist. Eine spannende Kollaboration von Daedelus mit Baths, die uns nach der französischen Riviera lechzen lässt. „In Tatters“ verzaubert durch den souligen Gesang von Kelela Mizanekristos und verliert seine Ruhe nicht, wohingegen „Overwhelmed“ den Gesamteindruck von diesem Album bestens subsumiert: „Bespoke“ ist ein Trip durch eine Vielzahl an musikalischen Stilrichtungen, Assoziationen mit exotischen Reisezielen und das stets mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Mangelnde Kohärenz tut der allgemeinen Leichtfüßigkeit dieses Werks keinen Abbruch. Alfred Darlington hat sich das perfekte Image geschaffen, um sein musikalisches Treiben zu profilieren. Daedelus ist der stets wahnsinnige Erfinder, der es wie kein anderer versteht, die vorhandenen Materialien so zu verwenden, dass am Ende ein maßgeschneidertes Kunstwerk, „Bespoke“ eben, dabei herauskommt. Mit Uhrtäschchen, versteht sich. (Alice Polansky, hochschulradio düsseldorf)
 
VÖ: 08.04.2011
 
Links: Künstler | Label | Myspace | Interview

 

Anspieltipps

Suit Yourself, #5
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What Can You Do, #6
Link:

Penny Loafers, #3
Link:

French Cuffs, #7
Link:

Tailor-Made, #1
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