Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 13/2004

Albumcover

Cypress Hill
Till Death Do Us Part

"Hey, wir brauchen unbedingt mal wieder eine HipHop-Platte als Silberling der Woche! Schreib Du doch bitte den Text!" Tja, was macht man auf diese Aufforderung als jemand, der eigentlich mit Sprechgesang gar nichts anfangen kann? Erstmal ziemlich große Augen! In meinem Leben gab (oder gibt) es gerade mal zwei Rap-Gruppen, mit denen ich was anfangen konnte: Die erste war House Of Pain, die mittlerweile nicht mehr "around jumpen". Frontman Everlast hat seine MC-Rolle gegen die Gitarre und seine Art des Urban-Blues eingetauscht. Und deren Produzent und Beat-Bastler DJ Lethal unterlegt jetzt auch lieber die härteren Töne von Limp Bizkit mit Gewummer.
Die zweite Band war Cypress Hill. Und wie gut, dass zumindest sie eine neue Platte herausbringen. Damit wäre der Silberling-Text ja doch noch gerettet.

Die Jungs, die in meiner (mageren) HipHop-Sozialisation mit ihrem Überhit "Insane in the Brain" auf sich aufmerksam machten, sind auch irgendwie anders. Diese Beats, die nach wirklichem Underground klingen, dazu dieser nasale Sprechgesang von Frontman Sen-Dog. Echtes B-Boy-Image. Kein Auf-dicke-Hose-machen wie Sean"Puff-Daddy-Puffy-P.-Diddy-oder-was-weiss-ich-wie-er-gerade-heisst"Combs oder ein Pseudo-Zuhälter-Mackertum wie von 50"PIMP"Cent. Zwar kommen auch die Jungs vom Zypressen Hügel aus den Strassen von South Central Los Angeles wie so viele andere Gangsta-Rapper, aber sie sind dabei eher auf eine relaxte Art und Weise unterwegs, die Wasserpfeife als wichtiges Utensil immer in Reichweite. So haben sie sich eine solide Fanbasis aufgebaut, 15 Millionen Platten verkauft und große Festivals wie Lollapalooza oder Woodstock gespielt.
Das HipHop-Quartett um B-Real (Louis Freese), DJ Muggs (Lawrence Muggerud), Sen-Dog (Senen Reyes) und den Neuzugang Eric Bobo feiern mit "Till Death Do Us Part" bereits ihre zehnte Veröffentlichung, immerhin besteht die Band schon seit 1988. Und sie sind wieder so düster wie eh und je. Den Genuss von Rauschmitteln sollte man beim goutieren der neuen Platte also eher vermeiden, sonst schlägt das ganze noch in Albträume aus. Die Bässe wummern tief und auch klassische Instrumente wie Geigen klingen wie aus einem Noir-Thriller.

"Till Death Do Us Part" spiegelt die ganze Palette des Schaffens von Cypress Hill. So gibt es das straighte Gangsta-Rapstück "Can´t stop the Gunshot", das Dancehall-Riddim-Stück "Ganja Bus", bei dem Damian Marley, seines Zeichens Sohn der Reggae-Legende Bob, einen Gastgesang beisteuert oder das auf die lateinamerikanischen Wurzeln der Band hinweisende "Latin Thugs", bei dem der puerto-ricanische Hardcore-Rapper Tego Calderon mitsingt. Und dann das cineastische "Street Wars", welches, ebenso wie das düstere Cover-Artwork, durch die Stadt Prag inspiriert wurde, die es DJ Muggs auf einer Reise besonders angetan hatte. Und wenn Prag wirklich so eine Stimmung erzeugt wie "Street Wars" mit seinen läutenden Glocken und finsteren Chören, dann sollte man in der Kafka-Stadt wohl keinen Party-Urlaub verbringen.
Dem Einfluss von DJ Muggs wird es wohl insgesamt zu verdanken sein, dass man auch als HipHop-Legastheniker Gefallen an der Musik von Cypress Hill findet. Immerhin hat dieser als Muggs (ohne das DJ) schon mit seiner Soloplatte "Dust" bewiesen, dass er mehr kann, als nur die Knöpfchen an seinen Turntables zu drehen. Dort bewies er Songwriter-Qualitäten, die schon eher in den Alternative Bereich fallen als in den HipHop. Und er war es auch, der die erste Single vom Album ("What´s My Number?") mit einem Geniestreich belegte. Als bekennender Fan der Punk-Vorreiter "The Clash" kam Muggs auf die Idee, ein Sample von deren legendärem ´79er-Album "London Calling" zu verwenden. So dröhnt nun die Bassline des Songs "The Guns Of Brixton" als Erkennungszeichen durch die Single. Schon Norman Cook a.k.a. Fatboy Slim hatte mit diesem Sample einen Hit: als Beats International feierte er mit "Dub Be Good To Me" im Jahre 1990 einen Nummer Eins-Hit in England. Cypress Hill bleiben dem Original jedoch treuer. Immerhin holten sie sich für diesen Song einen richtigen Punk mit ins Studio, Tim Armstrong, der normalerweise Frontmann von Rancid ist. (Auch Tim Armstrong steht diese Kollaboration besser als seine letzte. Da hat er als Produzent mehrere Songs für Pink geschrieben, unter andrem auch die Hitsingle "Trouble", aber das nur als sinnloses Insider-Wissen am Rande.)
Keine Angst vor Grenzüberschreitungen, dass haben Cypress Hill schon des Öfteren bewiesen, immerhin hatten sie nie Probleme damit, ihren Dark-Rap mit harten Gitarren zu unterlegen. Und vielleicht liegt in dieser Vielseitigkeit auch das Geheimnis ihres Erfolges.

Mein Fazit kann da nur lauten: Wenn schon HipHop, dann bitte genau so einen, den man auch als Sprechgesang-Kostverächter genießen kann, halt so, wie ihn Cypress Hill machen.
(Joachim Link, Radio Q)

Anspieltipps

  • Till Death Comes #2
  • What´s Your Number? #10
  • Never Know #7
  • Latin Thugs #3
  • Street Wars #14

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