Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 33/2006

Albumcover

Cursive
Happy Hollow

Es gibt Bands, die haben so eine langweilige Geschichte, dass man sich am liebsten eine neue für sie ausdenken möchte. Gegründet von vier Jungs in einer öden Stadt in einem ebenso öden amerikanischen Landstrich in den Wirren des Winters neunzehnfünfundneunzig, um den üblichen Bandgründungsgründen wie tödlicher Langeweile, Dahinsiechen alter Bands, Herzbruch und ungerechtfertigtem Alkoholkonsum entgegenzuwirken. Konnte ja keiner ahnen. Zum Beispiel, dass Cursive einer ganzen Region Identität und einen musikalischen Fokus verschaffen würden. Dass Saddle Creek nicht ohne diese Band gegründet worden wäre. Vermutlich hätten sich Tim Kasher und seine Mannen sonst kurzerhand einen spektakuläreren Gründungsmythos zusammengepuzzelt.

So hingegen kommt die Historie alleine über die Alben ins Rollen. Aber just als die Karriere 2004 mit „The Ugly Organ“ ein paar Briketts mehr in den Ofen legte, war es für Tim Kasher an der Zeit, lieber neues Feuer mit seiner Lieblingsnebenbaustelle von The Good Life anzuzwirbeln. Falscher kann man seinen Weg zum Rockstartum wohl nicht begehen.
Als dann noch Cellistin Gretta Cohn die Flucht nach New York antrat, war die Zukunft der Band ungewisser denn je - gerade nachdem das Cello der Stützstrumpf von „The Ugly Organ“ war und der Verlust kaum kompensierbar anmutete. Doch plötzlich sprang der Funke wieder über und Tim Kasher wiedererweckte die Band nach nur kürzestem Dornröschenschlaf. Und es wurde nicht lange geschmollt, sondern statt Fidelkandidel kurzerhand ein tollwütiges Blechbläser-Kommando als Ersatz in die Studioecke gestellt.

Und schwups wären wir auch schon drin im Herzen von „Happy Hollow“, das gar nicht so düster ausgefallen ist, wie man vermuten könnte. Expressiver sollte “Happy Hollow” werden, ein Popalbum ist es geworden. Und was für eins! Natürlich verlaufen die Harmonien gewohntermaßen neben der Spur und die Melodien taumelnden orientierungslos umher. Doch Tim Kashers Songs freuen sich über die neubelebte Lockerheit und schlendern neuerdings auf leichterem Fuß um die Ecke. Wenn, ja wenn, in Omaha die Straßen nicht voller Stolpersteine wären.

Der Unglücksrabe, den es am öftesten trifft, heißt Dorothy. Die Grundbehandlung heißt: Desillusionierung. Energisch wird die zentrale Figur des Albums geschrubbt, ihr dann freundlich zugeredet, bevor Sänger Tim Kasher schon fast auf der Klippe des Kreischens steht, als er es sich dann doch noch mal anders überlegt. Dafür hupen die Klarinetten, drehen sich die Gitarren im Kreis, jaulen, fauchen und lassen den Song mit großer Geste sterben, bevor sie sich zum letzten Aufgebehren ein letztes Mal zusammenreißen.
Im beengenden Milieu der amerikanischen Kleinstädte sucht sich Kasher seine weiteren Opfer der Wahl aus: Heucheleien, militantes Christentum, fehlgesteuerter Kriegswahn. Denn mit Nichtigkeiten hält sich Tim Kasher nicht lange auf. Und nur zur Sicherheit bricht er jedem amerikanischen Traum gleich doppelt das Genick. „This City Is Killing Us“ singt Kasher verzweifelt und man glaubt es ihm, findet es aber trotzdem schwer okay. Vielleicht, weil die ungehemmt positive Dynamik aus Horngetröte und rotierenden Gitarren einfach nichts anderes zulässt. Und weil er nicht wie Labelmate Connor Oberst gleich in suizidale Abgründe stürzt.

„Happy Hollow“ erlebt immer dann seine überschäumenden Höhepunkte, wenn sich die verbeulten Trompeten und Posaunen das Inferno vom Jüngsten Tag ausleihen. Dann, wenn die gerade erst mühsam aufgebauten Bläserkathedralen mit einem Paukenschlag furios in sich zusammenfallen. „Hymns For The Heathen“ packt alles, was blechern tönt und schon ordentlich Schrammen hat in einen Zuckersong, "Big Bang" schnauft sich noch gerade so zum Ende, während „Bad Science“ melodische Freizügigkeit atmet. Zach Braff lacht und schaut David Lynch betrübt aus seinen schwarzen Augen. Aber hier ist das Dunkle doch immer näher als man denkt. Die fintenreiche Verspieltheit und die notorische Unruhe als ständige Begleiter über die Jahre lassen auch hier den Blick über den Horizont heraus schweifen und die fiesen Hörenswürdigkeiten vom Rande in den Mittelpunkt rücken. „Happy Hollow“ nährt die Eigenheiten der Band und unterstreicht, dass Cursive neben Bright Eyes die wohl wichtigste Saddle Creek-Band sind. Es darf so langsam zum Ritterschlag ausgeholt werden. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 18. August 2006

Band: http://www.cursivearmy.com | Label: http://www.saddle-creek.com

Anspieltipps

  • Dorothy At Forty, Track 2
  • Hymns For The Heathen, Track 14
  • Bad Science, Track 11
  • At Conception, Track 9
  • Big Bang, Track 3

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