Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 49/2009

Albumcover

CunninLynguists
Strange Journey Volume Two

Gerade in Krisenzeiten ist Beschweren und Klagen das tägliche Brot der amerikanischen Conscious-Rap Community. Mit der gewonnenen Wahl Obamas scheint der erste Schritt in eine verheißungsvollere Zukunft der USA und der Welt geglückt, man könnte sich etwas zurücknehmen. Woran liegt es bloß, dass die HipHop-Zunft im Independentbereich gerade jetzt aktiver und produktiver denn je zu sein scheint? Ein befreites Aufatmen? Aus den Gassen Brooklyns erschallte erst vor kurzem wieder Mos Defs-Stimme, der sich eindrucksvoll mit „The Ecstatic“ zurückmeldete und auch die Roots um Sänger Black Thought, die in dem Zusammenhang zwar nicht die Urväter des Conscious-Rap sind, aber zumindest eine der ersten aktiven Gruppierungen die einem zu dem Thema einfallen, sind wieder im Studio und stehen kurz vor dem Release von „How I Got Over“.

Die CunninLynguists gehören auch zu dieser speziellen Gattung von politischen und sozialkritischen Rappern, die u.a. von Public Enemy geprägt wurden. Deren Härte wurde aber abgeschwächt, eigen ist der sehr melodische und doch unauffällige Sound, der in Lexington Kentucky geboren wurde. Was aber nichts an seiner Intensität und Lebendigkeit ändern. Die CunninLynguists spielen dabei vor allem auch mit den Einflüssen der ureigen amerikanischen Musikgeschichte. Mit einer spirituellen Fusion aus Rap/HipHop, Soul, Jazz, Ambient und Gospel - im weitesten Sinne. Seit den ersten musikalischen Gehversuchen 2001 („Will Rap For Food“) ist viel passiert und international sind Produzent Kno, der u.a. für Jay-Z remixen durfte, und die Rapper Deacon The Villian und Natti seit „Sloppy Seconds Vol.2“ ein Begriff. Auf „ Strange Journey Volume One „ folgt nun „Strange Journey Volume Two“und ist im wahrsten Sinne des Wortes die Fortsetzung einer abgefahrene Reise, die sich durch das Bewusstsein von Land und Leuten schlängelt und so hat man Intro und Outro auch passender Weise „Departure“ und „Arrival“ betitelt und auch das starten der PS-starken Maschine die unter der Motorhaube schlummert ist deutlich zu vernehmen.

Von derlei grobschlächtigem Machogehabe sind die Jungs aber dennoch entfernt. Der von Freddie Gibbs unterstützte eigentlicher Opener „Imperial“ ist zwar druckvoll, aber eher auf behäbige Art und Weise und so gar nicht zu einem vernünftigen amerikanischen spritvernichtenden Musclecar-Motor (siehe Cover) passend. Verstärkt durch den Hammond Orgel gestützten Beat mündet der Reisebeginn in „The W.W.K.Y.A. Tour“ wo in Dialogform die nächste Runde des Rap-Nahkampfes eingeleitet wird. Schnell und kein Blatt vor den Mund nehmend liefern sie den qualitativen Beweis, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Oukast, mit denen sie nicht nur die Südstaatenherkunft verbindet, wären oder sind bestimmt tief beeindruckt, wenn sie wüssten, dass sie zu den Künstlern gehören, die die CunninLynguists als Inspirationsquelle angeben.

Keine Zeit für Pausen und Entspannung auch in „Streets“, wo Sean Price und Poison Pen neben Villian und Natti mit im Auto sitzen dürfen. In einer Fusion aus Rap und Soul-Elementen wäre dieser Track wohl die passende Begleitmusik für die Fahrt durch die Straßen von Lexington bei untergehender Sonne. Langsam, nachdenklich und mit einer Prise Wehmut geht es um das Leben und das Aufwachsen auf der Straße. Ähnlich kommt auch „Be For Real“ daher. Die Atmosphäre, der Beat und die sphärische Stimme, die gerade noch in rhythmischen Abständen „Streets“ geflüstert, hat haucht nun wahrhaft soulig den Namen dieses Songs über den instrumentalen Unterbau. Nachdem sie in „Pit Stop“ in einer fiktiven Burger-Schmiede einem patzigen Barack Obama begegnen, geht „The Strange Journey“ mit dem Blue Sky Black Death Remix „The Park“ weiter und endet nach mehreren Zwischenstopps im wirren und experimentellsten Song des Albums: „Cocaine“ ist ein musikalischer Rausch der auf wenig subtile Art und Weise auf die Gesellschaftsdroge aufmerksam macht. Laut Zeitungsberichten sind inzwischen auf 90 % aller Geldnoten Spuren des weißen Pulvers enthalten.

Der grobe Rahmen des „wahren“ Leben auf der Straße als Synonym für das Leben des durchschnittlichen Amerikaners wird auch weiterhin nicht verlassen. Die Spur stimmt, der Fluss ist stetig, wenngleich nicht auf höchstem technischen und wortgewaltigen Niveau. Auch wenn der Name impliziert, dass in „Running Wild“ zumindest das innerstädtische Tempolimit überschritten wird, so können auch E-40 und Evidence nicht für mehr Schubkraft sorgen, sofern das denn überhaupt gewollt ist, und der Sound bleibt auch hier gelassen und ruhig. Die lethargische Gelassenheit ist letztendlich charakteristisch und bestimmt Tempo und Dynamik des Reise-Albums der „schlauen Sprecher“, was nur kurzzeitig durch wütenden und aggressiven Passagen unterbrochen wird. Die vielen Kollaborateure sorgen für die nötige Abwechslung (mit Sean Price, Poison Pen, J-Zone, Blue Sky Black Death, Bronze Nazareth, E-40 und Freddie Gibs hat man definitiv die richtigen Leute mit im Auto sitzen), aber es hätte durchaus energetischer und schneller zur Sache gehen dürfen. Ein bisschen mehr Unbequemlichkeit hätte vielen Tracks den nötigen Schwung gegeben. Nichtsdestotrotz wird der gelassene Charakter von „Strange Journey Volume Two“ dem Höhenflug der CunninLynguists mit absoluter Sicherheit keinen Abbruch tun. Schließlich geht die Reise immer weiter. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 27.11.2009

Künstler: http://www.myspace.com/cunninlynguists | Label: http://www.apieceofstrange.com

Anspieltipps

  • Streets (f. Sean Price & Poison Pen) , Track 4
  • Imperial (f. Freddie Gibbs) , Track 2
  • Running Wild (f. E-40 & Evidence), Track 14
  • To Be For Real, Track 6
  • Cocaine, Track 13

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