Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2012

Albumcover

Crystal Castles
(III)

Es gibt Menschen, die behaupten, Witch House sei sehr 2010. Aber soll man Crystal Castles nun Anachronismus vorwerfen, wenn sie auf ihrem dritten selbstbetitelten Album doch bloß logisch an ihr Werk anknüpfen? Ihr düsteres Synthie-Universum klingt dramatischer, herrschaftlicher und tranciger als je zuvor – und traut sich offensichtlicher als bisher auf eine Meta-Ebene.

Crystal Castles hatten es nie nötig, sich all zu freizügig zu geben. Die meisten Songs verstecken sich auch auf „(III)“ unter dem trügerischen Mantel des Durchschnitts bis sie spätestens mit Einsatz des Refrains Einblick in die mächtige Welt darunter gewähren. Unzählige Schichten zerrissener Synth-Fäden verbergen dort noch immer fantastisch glitzernde Melodien, Alice Glass’ Stimme windet sich unter dem Gewicht dieser erdrückenden Masse, schreit hallverzerrt ihre verstörenden Botschaften. In den besten Momenten dieser bahnbrechenden Pathetik wird sie selbst zu einer unmenschlichen Klangfarbe ihrer Keyboards und begibt sich damit auf den Weg der Transzendenz, die ihr im Opener „Plague“ wirklich zu gelingen scheint.

„(III)“ ist nicht nur deshalb das organischste Werk der Crystal Castles. Auch die Beats bouncen nun unter den Schleiern, die die Band ihrem Sound überwirft. Diese funktionieren als spinnwebenartiger Kleber, aus dem sich kein Song zu befreien vermag, nicht mal das großartige „Sad Eyes“, das Trance für 03.27 Minuten zum schönsten Genre der Welt macht. Bei so viel Variation (kein Keyboard von „II“ durfte bei „(III)“ mitspielen) fällt es fast schwer, zu glauben, dass kein Ton am Computer entstanden sein soll.

Die vom Sound vorgegebene Stimmung setzt sich konsequent in der Bildsprache fort. In „Plague“ werden Körper gesalbt, in „Affection“ mit bloßen Händen Motten zerquetscht, es geht um blasses Fleisch, Narben und blutige Dolche. Immer wieder tauchen Begriffe wie Reinheit und Jugend auf. Alice Glass tanzt auf den Trümmern aus Illusionen und Träumen, „If you sleep before I arrive / I’ll pray for you my girl / A flower on fire / And I will always let you down“ singt sie in „Violent Youth“. „Oppression is a theme, in general…“, heißt es in einer Erklärung zum Album, „a lot of bad things have happened to people close to me since II and it's profoundly influenced my writing as I've realized there will never be justice for them.“ Mit den sprachlichen Mitteln des Okkultismus wollen Crystal Castles Einblick in die dunkle Realität gewähren, die sich böse Welt von heute nennt. "I didn't think I could lose faith in humanity any more than I already had, but after witnessing some things, it feels like the world is a dystopia where victims don't get justice and corruption prevails.“ In Songs wie „Violent Youth“ oder „Child I Will Hurt You“ schlüpft Alice Glass auf masochistische Art und Weise in die Rolle der Täterin.

Das Albumcover entspringt dem Gewinnerbild des World Press Photo Award des spanischen Fotografen Samuel Aranda – es zeigt eine muslimische Frau im Jemen, die ihren Sohn in ihren schützenden Armen hält, nachdem er während einer Demonstration von Tränengas getroffen wurde. Das Original wird mit Michelangelos Pietà in Verbindung gebracht, was die Symbolik auf eine mystisch-religiöse Ebene hebt, in der der tote Jesus in den Armen seiner Mutter liegt. Crystal Castles beanspruchen diese Bildhaftigkeit auf eine prätentiöse Art für sich. Sie erfüllt vor allem auf einem sehr persönlichen Niveau ihren Zweck: Treffender hätte die Dramatik, die „(III)“ zu vermitteln sucht, nicht eingefangen werden können. (Natalie Klinger, eldoradio*)

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Anspieltipps

Affection, #4
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Wrath of God, #3
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Sad Eyes, #6
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Plague, #1
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Pale Flesh, #5
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