Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 21/2010

Albumcover

Crystal Castles
Crystal Castles

Ahnungslos drücken wir die Play-Taste. Und fürchten nichts Böses. Doch schon sehen wir uns inmitten eines Gefechts. Kurze, beinahe zur Unkenntlichkeit verzerrte menschliche Stimmfetzen schießen auf Drum-Samples und rauschende Elektrobeats. Und das in einer Hektik und Panik, dass uns schwindlig wird. Bis der Boden droht, unter unseren Füßen zu verschwinden. Die Augen aufgerissen, schwebt unser Daumen schon über dem Stopp-Knopf -da endet das Spektakel genau dort, wo beide Seiten in einem wirren Brei zum Nahkampf übergehen, abrupt in einem quietschenden Rauschen.Das zweite Album der aus Toronto stammenden Crystal Castles versucht erst gar nicht, den Hörer für sich einzunehmen, bevor es zur Offensive übergeht. Stattdessen wird direkt losgepulvert -ganz nach dem Motto: Von nichts kommt nichts. Nach dem ersten Durchlauf fühlt sich denn auch alles undurchsichtig und vor allem nach einem zermatschten Gehörgang an. Das vorneweg, denn die Castles machen es einem wahrlich nicht leicht. Sie wollen Aufmerksamkeit. Sei das jetzt bei den Gigs, bei denen Frontfrau Alice Glass eine übermäßige Extrovertiertheit inklusive Stagedives an den Tag legt, oder eben auf Tonträger.

 
Wie energetische Kinder lassen sie anfangs richtig die Sau raus, um dann im Wechseltakt ruhig („Celestica“)und wieder unkontrolliert laut („Doe Deer“)zu werden. Die Singleauskopplung „Celestica“ ist hier die Ruhe nach dem Sturm. Deutlich angenehmer wird in die Effektkiste gegriffen: Die elektrischen Stimmverzerrer wirft man in hohem Bogen über alle sieben Berge und kramt stattdessen Flächensounds und ordentlich Hall für die Vocalistin hervor. Um natürlich im Folgetrack wieder ordentlich Gas zu geben. Hilfe, hat man es hier mit Laut-Leise-Schemata affinien Trash-Nerds zu tun? Ein klares Nein, denn glücklicherweise dauert dieses Ping-Pong Spiel wirklich nur drei Tracks an. In „Baptism“ gelingt dann schließlich die Kurve mit einer Mischung aus beiden Extremen: Aggressive Elemente wie Alices beinahe kreischende Stimme vermengen sich mit monotonen, technoartig rauschenden Synthieakkorden und einem hellen Drumklang. Hier wird einmal mehr klar: Es geht nicht um die einzelnen Elemente an sich, sondern um ihr wahnsinniges Zusammenwirken. Dass man außer der zentralen Zeilen „This is your baptism/ And you can`t forgive her“ rein gar keinen Text ausmachen kann, stört dann auch nicht weiter.Es ist schon seltsam, doch immer wieder kommt unweigerlich der Gedanke auf, dass die Kinderstube der Crystal Castles die simple, unstrukturierte, geradeaus gehende Punkmusik ist. Synths und Samples werden nicht selten wie Bass und Gitarre eingesetzt, man möchte gar nicht erst wissen, wie viele Booster die zwei ins Studio geschleift haben, um derartige Übersteuerungen zu erreichen und die Parallele zum Stimmeinsatz in diesem Genre muss wohl gar nicht erst erwähnt werden. Da wundert es nicht, dass sich nach einem Blick auf das bisherige musikalische Schaffen des Duos herausstellt: Sowohl Alice Glass als auch der für das elektrische Drumherum zuständige Frickler Ethan Kath waren ursprünglich im Noise-/Trash-Punk zu Haus, bevor sie im dem letzten Album mit C64-Klängen dem Bitpop huldigten. Das beste Beispiel ist wohl „Bird“s mit einem Synthlauf so smooth und cool wie ein ordentlicher Bass und Tönen, die an eine grenzwertig verzerrte E-Gitarre erinnern.  Leider wird hier aber auch die Schwäche der Castles sichtbar: Ohne elekronische Verfremdung und Verstärkung wirkt Glass` Stimme fahl und kraftlos. Schnell wird klar, weshalb es eben nur zwei Tracks gibt, in denen Kath der Frau ihre natürliche Stimme gelassen hat. Der Kontrast wird umso stärker deutlich bei dem wohl überraschendsten und gleichzeitig stärksten Stück der Platte. Auf „Year Of Silence“ hört man niemand geringeren als Jón Thór Birgirrson aka Jónsi von Sigur Rós als Stimmsample. Er verpasst dem sonst so stumpf wirkenden Grundsound eine tranceartige, fast schon sakrale Grundstimmung -eben jene titelgebende `Stille` und Ruhe.
 
„Empathy“ und „Violent Dreams“ schließlich führen den Stimmungsbogen weiter. Uns wird diese angenehm ruhige Stimmung gelassen; Alices Stimme ist diesmal glasklar, schwebt beinahe über den restlichen, zuweilen hektischen Sounds. „Violent Dreams“ schlägt unüberhörbar eine Brücke zum Trance (oder Eurodance?), wenn der Hörer in einen leichten, wohlig klingenden Soundnebel gehüllt wird, dessen synchron zur menschlichen Herzfrequenz verlaufender Bassgrundton eine entscheidende Rolle spielt: Er projiziert eben dieses direkt durch die Gehörgänge in die Blutbahn eingespeiste angenehme Gefühl. Über einige Ausflüge in den Pop und diverse ausgeflippte Frickeleien befinden wir uns schließlich im hektischen Anfangsgefecht. Nachdem etwas, das wie höchst seltsames Katzenjammern klingt(hat man da tatsächlich eine Katze gesamplet?), hinweggefegt ist, lässt sich feststellen: Das Ganze geht doch noch friedlich aus. Ein ruhiger Synthieteppich dominiert nun die hektischen, aggressiven Sounds vom Anfang. Die breiige, zäh-klebrige Klangmasse hat sich aufgelöst. Zurück bleibt: Verwirrung, Amüsement und die Neugier, was da in Zukunft noch kommen mag. (Hannah Seichter, CampusFM)
 
VÖ 21.05.2010
 
Band: Crystal Castles | Label: Polydor

 

Anspieltipps

  • Celestica
  • Year Of Silence
  • Suffocation
  • Empathy
  • Baptism

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