Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2007

Albumcover

CocoRosie
The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn

Zweifelnd nimmt man erst mal die mit der Aufschrift "F" wie "Frauen-Ding". Was das eigentlich für ein tolles Ding ist, weiß zwar nicht mehr nur Rainald Goetz, doch den beiden Schwestern Bianca und Sierra Casady wird man damit bestimmt nicht gerecht. Eine Schublade zu finden, in die sich CocoRosie widerspruchsfrei einordnen lassen, ist nicht die leichteste Aufgabe. Auch ihre Nähe zu Riot-Grrrl-Ikonen wie Patti Smith oder Le Tigre ist eher ästhetischer als musikalischer Natur. Ihr mystisch-phantasievoller Folk-Pop ließe sich am ehesten noch unter dem Begriff "New Weird America" subsumieren, wäre dies nicht einfach nur ein von hilflosen Musikjournalisten erfundenes Konstrukt, um Musik zu kategorisieren, die sich jeglicher Kategorisierung entzieht.

Diese beiden Damen haben nun also ihr drittes Album mit dem kryptischen Titel "The Adventures of Ghosthorse and Stillborn" herausgebracht. "Ghosthorse" und Stillborn" sind dabei den Cocos zufolge zwei Geister, die große Ähnlichkeiten mit dem Großvater und Bruder der Schwestern haben. Beide verstarben während der Aufnahmen. Wirklich keine einfachen Bedingungen also, unter denen dieses Werk entstanden ist, zumal CocoRosie auch noch ihrer Heimatstadt New York den Rücken kehrten und nach Paris zogen. Ist das Ganze also ein Konzeptalbum zur Trauerverarbeitung geworden, düster und unzugänglich?

Hört man die ersten Takte von „Rainbowarriors“, so erweisen sich diese Sorgen als unberechtigt. Das Stück wirkt zwar durchaus melancholisch und geheimnisvoll, doch überraschen gleichzeitig die klare rhythmische Struktur und die dezenten Sprechgesanganleihen. Ja, richtig gelesen. CocoRosie haben sich jetzt dem Rap verschrieben. Im darauffolgenden "Promise" wird dies sogar noch verstärkt eingesetzt, das Stück lebt von dem Kontrast zwischen dominanten Rappassagen und fragilem, elfenhaften Gesang, der nicht nur entfernt an Björk erinnert. Erst "Japan" ist dann eines dieser für CocoRosie typischen Kinderlieder, mit Xylophon-Klängen und Quietsch-Gesang. Erdenfern und ein bisschen wie auf einem schlechten Drogentrip. Doch hinter der niedlichen und harmlosen Oberfläche verbirgt sich bitterböser Sarkasmus, der sich gegen den Irak-Krieg und den Konsumterror des American Way of Life richtet.

Die optimistische Grundstimmung, die noch zu Beginn des Allbums vorherrschte, löst sich nach und nach auf. Die Reise von Ghosthorse und Stillborn führt in düstere Gefilde, Trauer, Verlustangst und Einsamkeit sind die nun dominanten Assoziationen. "Houses", ein Stück mit opernhaftem, theatralischem Gesang zu minimalistischer Pianobegleitung markiert den Stimmungstiefpunkt des Albums, ist zugleich jedoch auch unheimlich intensiv. Das darauffolgende "Raphael" steht dem allerdings kaum nach, eine so traurige Ballade über eine gescheiterte Liebe, mit Metaphern, die den Drahtseilakt zwischen "zum Heulen schön" und "fürchterlich kitschig" mit Bravour meistern, hat man schon lange nicht mehr gehört.
Das sanft ausklingende "Miracle" lässt sich als versöhnlichen Abschluss verstehen, doch bleibt auch hier, wie bei allen Stücken zuvor die Frage unbeantwortet, ob es nun eher melancholisch gedämpfte Euphorie oder aber euphorisch gebrochene Melancholie ist, die einem CocoRosie in ihren Songs vermitteln. So lange das alles aber so gut klingt, kann diese Frage ruhig unbeantwortet bleiben. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 13.04.2007

Band: http://www.cocorosieland.com | Label: http://www.tgrec.com

Anspieltipps

  • 01, Rainbowarriors
  • 02, Promise
  • 04, Japan
  • 07, Werwolf
  • 10, Raphael

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