Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 32/2009

Albumcover

Clubroot
Clubroot

Ein reines Dubstep-Album und ein Meilenstein für das Genre. Es kommt von einem Herrn oder einer Gruppe, man weiß das nicht genau, der/die aber aus England ist/sind. Okay, das allein ist nicht verwunderlich für diese Musikrichtung, aber es ist ein Zeichen für Qualität. Und davon hat das Album soviel - es weiß gar nicht wohin damit. Auf nur zehn Stücken offenbart es eine völlig neue Welt.

Das Album beginnt mit dem Song „Serendipity Dub“ - einer von zweien mit Sprachelementen. Übersetzt bedeutet der Titel so viel wie: "ein Glücksgriff in die Dubkiste" - ein Statement, das an dieser Stelle allerdings irreführend ist. Naive Gemüter jedenfalls könnten schnell darauf hereinfallen, wenn sie sich zu stark von seiner „Zartheit“ beeinflussen lassen: Die Perkussionsinstrumentalisierung fällt im Vergleich zum Rest des Albums derart harmlos aus, dass man förmlich aufschreckt, wenn das Album schließlich weitergeht. Vom typischen Dub-Bass ist in dem Song zwar schon viel zu spüren, aber er bleibt freundlich. Erst der zweite Track bringt die entsprechenden Tiefen, die insgesamt so charakteristisch für das Album sind. Schon der Anfang des Songs erzeugt Furcht, die Atmosphäre eines bösen Traums, in dem alles nebulös und ungewiss ist. Die spät einsetzenden Trommelschläge im Anfangsteil fallen kaum auf, schieben dennoch Angst unter die Großhirnrinde. Und sobald der Bass einsetzt, hat die Musik einen fest umklammert. Er formt um, er bereitet vor auf das, was kommt. Im Gegensatz zum Opener könnte man ihn als Propheten begreifen - auch wenn er fürs Erste nichts Gutes prophezeien will. Wenigstens ist er ehrlich.

„Embryo“, der dritte Track, funktioniert definitiv am besten, wenn man sich dazu das Bild des Embryos aus „2001: Odyssee im Weltraum“ vorstellt. An dieser Stelle spielt das Album, packt auf ganzen sieben Minuten eine Bandbreite an Sound und Ambiente aus, die ihresgleichen sucht. Die deutliche Überlänge des Tracks hält ihn mit dem Bass als Verbindungselement gut zusammen. So entsteht der Eindruck eines Kunstwerks im Kunstwerk. Im letzten Viertel sind hier auch die letzten Sprachelemente zu hören. Ohnehin ist positiv anzumerken, dass das Album ab hier mit nur ganz wenig Sprache auskommt. Für Dub an sich ist das zwar nichts besonderes, jedoch fällt es hier eben besonders auf: Die Platte erzeugt eine Sog in die transzendente Welt, versucht fast schon aufdringlich Gedanken einzupflanzen. Allein: Jeder hat die freie Auswahl, was er denken will. Doch so etwas wie, beispielsweise, "bessere Zukunft", fällt in diesem Kontext dann doch schwer. Ein paar Worte zur Beruhigung: Das alles ist ja gar nicht echt. Nur kommt es eben echt rüber, wenn man das Zimmer abdunkelt und den Bass aufdreht - der im Übrigen dann bei „High Strung“ die Skala sprengt. Vorsicht: Ohrstöpsel benutzen. Diese Frequenzen gehört mit zu dem Lautesten und Druckvollsten, das Dub zu bieten hat.

„Dulcet“ geht ähnlich weiter, und bis jetzt ist immer noch alles dunkel, der Klang übermächtig, wie ein Schleier, der alles überlagert und die Sicht auf die Welt versperrt. Zur Erinnerung: Ein Track heißt immerhin "Embryo", man mag hier eine Verbindung herstellen zum Album als eine Art Lebenslauf. Jetzt, in „Dulcet“, kommen auch erstmals wieder kleine, hellere Töne zum Vorschein, die Wolken klaren auf, Hoffnung breitet sich aus mit dem Einfallen der ersten Sonnenstrahlen - aber, mit den letzten Trommeln am Ende, auch Unsicherheit.

„Lucid Dream“ wiederum hat eine Atmosphäre, wie man sie bei so einem Titelnamen auch erwartet. Der Bass tritt hier leicht in den Hintergrund und macht Platz für klareres Schlagwerk und Ambient-Sounds, eine Art Licht am Ende des Tunnels. Alles wir ein wenig klarer, sinniger, die Existenzangst weicht, Selbstbewusstsein bleibt. Das Album allerdings ist immer noch dasselbe wie am Anfang - immer noch Clubroot. Hier macht die Platte eine lupenreine 180-Grad-Wende, und im letzten Drittel von "Lucid Dream" kommt dann sogar noch mal alles anders, als man denkt. Eine perfekte Symbiose aus elektronischen Streichern, gitarrenähnlichen Sounds und wummerndem Bass, jetzt noch weiter im Hintergrund als zuvor, unterstreicht jetzt die Aufbruchstimmung.

Der Titel „Birth Interlude“ macht schließlich alles rund. Und dabei ist er schon die zweite Geburt auf diesem Album, die zweite Erkenntnisstufe des Daseins. Besonders bemerkenswert: das Ende des Songs, das zwar insgesamt etwas zu kurz kommt, dennoch aber eine fantastische Komposition darstellt. Jetzt also ist sie da, die Neue Welt, und mit ihr die eigene Willenskraft. Und genau so kommt auch der Track „Talisman“ daher. Er ist deutlich schneller und souveräner als alle seine Vorgänger zusammen, bedeutet einen Rückgriff auf gutes Schlagzeug-Arrangement. Bass-Stuttereffekte, zusammen mit wohliger Distorsion, formen in diesem Track, der als stärkster des Albums gelten darf, die Substanz. Die Elektronik ist hier absolut perfekt und trotz des immer noch präsenten Ultrabass unglaublich klar.

Schon fast am Ende angekommen baut „Nexus“ dann noch einmal eine Verbindung zum Anfang, eine Retrospektive auf das bislang Erreichte, extrem basslastig zwar, dennoch deutlicher filigraner abgestimmt als der Nachfolger „Sempiternal", bei dem Handclaps und Snaps ihr übriges dazutun. „Sempiternal“, das bedeutet so viel wie "Ewigkeit", der Song ist ähnlich wie „Embryo“ eine Besonderheit auf dem Album.

Clubroot hat oder haben hier ein Kunstwerk abgeliefert, welches das volle Potenzial und die brilliante Schönheit von Dubsteb darstellt. Das Album läd ein in eine Lebensgeschichte, die auf der eine Seite böse und furchteinflößend ist, am Ende aber alles gut oder zumindest in positiver Erwartungshaltung auslaufen lässt. Wer sich in elektronischer Musik nicht zu Hause fühlt, findet mit Clubroot sicher auch kein gutes Einsteigeralbum. Dafür mutet es einem zu viel zu, lässt nicht genug Abwechslung oder Vielfalt erkennen. Letztere allerdings wird dem Fachmann dafür um so präsenter sein - und macht Clubroot zu einem wirklich hervorragenden Album. (Philipp Beckonert, Radio Q)

Anspieltipps

  • Low Pressure Zone, #02
  • Serendipity Dub, #01
  • Birth Interlude, #07
  • Talisman, #08
  • Sempiternal, #10

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