Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 38/2010

Albumcover

Chromeo
Business Casual

„This is the new sound, we came to get down, our name is Chromeo, and we are in control“. Dieser Maxime folgt das kanadisch-amerikanische Duo Chromeo nun, seitdem es sein erstes, allerdings nur mäßig erfolgreiches Album, „She’s In Control“, im Jahr 2004 auf den Markt gebracht hat. Woher der Spruch stammt? Vom Opener ebendieses ersten Albums. Dass schon da von einem „new sound“ die Rede ist, statt bloß von einer Frischzellenkur zu reden, macht die ganze Sache nicht unbedingt einfacher. Mehr noch: Seitdem hat sich nämlich bis heute nicht besonders viel getan im Hause der selbsternannten „einzig erfolgreichen jüdisch-arabischen Kollaboration“. Schließlich könnte man den Hit ihres Debüts, „Needy Girl“, auch problemlos in den neuesten Langspieler „Business Casual“ integrieren, ohne dass es jemandem zwischen all dem anderen retro-glitzerndem Elektropop auffallen würde.

Während bei einem Debüt bekanntlich das unbekümmerte und lose Zusammenspiel der Musiker bewundert wird und ihnen zum Erfolg verhilft, sind beim Nachfolger unbedingt Erwartungen zu erfüllen. Jüngst sind Foals oder 1000 Robota mit dem Konzept, auf die Erwartungshaltungen der Fans und Kritiker keine Rücksicht zu nehmen, auf die Schnauze gefallen. Dieser Druck wurde auch bei Dave1 und P-Thugg bemerkbar: das Release von „Fancy Footwork“, das erfolgreiche zweite Album, das den beiden zum Durchbruch verhalf, liegt nun schon über drei Jahre zurück, auf Tour ließen sie sich eher selten blicken, und die vor einem Jahr veröffentlichte DJ-Kicks mit dem darauf enthaltenen neuen Track „I Can’t Tell You Why“ spaltete auch eher, als dass sie überzeugte.
 
Nun also zu erwarten, dass alles anders werde, wäre demnach vollkommener Humbug. Schließlich wissen der Gangsta mit der Voicebox (P-Thugg) und der Nerd mit der Gitarre (Dave1) sehr wohl, was sie können: mit ihrem Retro-Eighties-Elektrofunk die Leute zum Tanzen zu bringen. Das kann man etwas mutlos nennen, oder eben erfolgreiche Konzentration auf ihre Stärken, die sie hier souverän ausspielen und so „Business Casual“ zu einer Ansammlung kleiner Hits schleifen. Mit ihrem Mix aus Humor – schließlich machen sie Musik, für die sich andere schämen würden – und Funkyness schaffen es die beiden ganz weit nach vorne aufs Hipster-Treppchen. Warum also alles über Bord werfen, wenn es doch bisher auch so gut lief?
 
Die erste Singleauskopplung „Night By Night“ lässt einen direkt an die Titelmelodie von „Knight Rider“ denken, und mit dem Clip zu „Don’t Turn The Lights On“ (von Keith Schofield realisiert, der vor zwei Jahren mit der viralen Kampagne von Diesel, „Diesel SFW XXX“, alte Sexfilmchen plötzlich sogar für die Allerkleinsten sichtbar machte) zeigten sie wiederum ihre humorvoll-unterhaltsame Seite. Eingängig, tanzbar, schillernd und eben jenes grelle Quäntchen zuviel, das ihre Songs wie ein Markenzeichen erscheinen lässt.
 
Bei „When The Night Falls“ wird die ebenfalls musikalisch deutlich ambitionierte Schwester von Beyoncé, Solange Knowles gefeatured, und wenn man das Album bei itunes kauft, kriegt man zudem mit „I Could Be Wrong“ ein Nerd-Duett mit Dave1 und Ezra Koenig geliefert, der seines Zeichens hauptberuflich bei Vampire Weekend hinter dem Mikrophon steht. Selbstironie nimmt entsprechend einen ganz gewichtigen Platz bei Chromeo ein: „These guys are to Rockwell what Andrew WK is to Meat Loaf.“, schrieb jemand von Vice Records passenderweise ins verstaubte Infosheet zur ersten Platte.

Es ist zu bezweifeln, dass das vom kanadischen Technoproduzenten Tiga entdeckte Duo noch lange auf der immer gleichen Schiene langfristig Erfolg haben wird. Daher sind erste Versuche eines Ausbruchs aus dem vermeintlichen „Schema F“ durchaus zu begrüßen: Es gibt mit „J’ai Claqué La Porte“ erstmals einen chansonesken Popsong auf französisch, der songauswärts deutlich den Godfather of Synthesizer, Jean Michel Jarre, zitiert. „You Make It Rough“ entwickelt sich hingegen mit siebenminütiger Tracklänge zur repetitiven Prog-Disco, und „Grow Up“ - das offensichtlich Billy Ocean’s „When The Going Gets Tough, The Tough Get Going“ huldigen möchte - könnte man auch als selbstironischen Kritik an der ständigen Selbstwiederholung verstehen. Vielleicht sind Chromeo letzlich clever und nicht bloß diese Typen, die immer „diese funky 80er Jahre Musik machen“. Hoffen wir, dass der Sound von „Business Casual“ nicht zum business as usual wird. (Pat Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 17.09.2010

Links: Jungs | Label

Anspieltipps

Don't Turn The Lights On, Track 4
Link:

Night By Night, Track 3
Link:

Grow Up, Track 10
Link:

Hot Mess, Track 1
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When The Night Falls, Track 6
Link:

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