Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche KW15/2012

Albumcover

Chromatics
Kill For Love

Hier hätte jetzt stehen können: „Kill For Love“ ist eine Platte voller Hits, Hits, Hits. Doch Chromatics haben sich dagegen entschieden. Nur eines der konsequenten Statements, mit dem das Quartett aus Portland auf seinem vierten Studioalbum raffiniert seine künstlerische Überlegenheit demonstriert.

Selbstverständlich gibt es sie, die Momente markanter Melodien und großer Chorusse. Der im Oktober veröffentlichte Titeltrack etwa, der sich seitdem hartnäckig in den Ohren der Szene festsetzt, erfüllt alle Anforderungen an einen gelungenen Synthie-Pop-Song. Midtempo, sauberer 4/4-Drum-Machine-Backbeat, die Fröhlichkeit von Dur, die mit der Gleichmütigkeit in Ruth Radelets Stimme und den hoffnungslosen Texten bricht. Vom frühen Klang der Band ist dabei kaum mehr etwas zu spüren. Nur Gitarrist Adam Smith hat die 2001er Ursprungsbesetzung der Band überdauert, schon der Wechsel zum Label Italians Do It Better vor fünf Jahren markierte einen Wendepunkt in Chromatics Soundprofil und was damals bereits mit „Night Drive“ begann, setzt sich auf „Kill For Love“ folgerecht fort: An den Punk der Gründungsjahre erinnern nur noch einsame Gitarrenreste, sämige Keyboards und verhallte Beats geben dem neuen Werk ein verruchtes Flair.

Im gelungenen ersten Drittel versammeln sie all ihre Singles, danach sind es nur Einzeltitel, die herausstechen: Der Synthie-Pop von „At Your Door“ beispielsweise, der klingt wie ein glattproduzierter Ariel-Pink-Entwurf mit klassischer Strophe-Refrain-Struktur. Oder „The Page“, wo es heißt „You're like the pages of a book I'll never get to write“: Es sind düstere E-Gitarren, die hier zuerst das Motiv einführen, der Gesang nur das schwache, hilflose Echo einer Schicksalsgläubigkeit, die dem Album seine inhaltliche Tiefe verleiht. In den zurückgenommenen Beats findet das Introvertierte seinen Ausdruck. „Kill For Love“ entbehrt jeder Form von extremer Dynamik: Betonung ergibt sich durch unbeirrbare Wiederholung. Sie wird auf eineinhalb Stunden Gesamtlänge als vielleicht wichtigstes Stilmittel zelebriert. Denn – und hier kommt das „Aber“ zu den Momenten toller Popentwürfe – zwischen den Hits stehen ausgedehnte Post-Punk-Würdigungen und instrumentale Interludes, die die Zahl der Titel auf insgesamt 17 erhöhen. Chromatics feiern das Repetitive als Methode, um den Hörer mit dem ästhetischen Genuss der Entfremdung zu konfrontieren.

Diese erweist sich paradoxerweise als Chromatics unanfechtbares Argument dafür, kein 30-minütiges Hit-Album abgeliefert zu haben, obwohl aus dem Rohmaterial ganz sicher ein solches hätte werden können. Cineastisch verlieren sich warme Celli im Instrumentalstück „The Eleventh Hour“ in der Strukturlosigkeit vereinzelter Glockensynthies. Auch das 14-minütige Ambient-Finale, bei dem sich dringlicher als sonst die Frage „Was soll das?“ stellt, könnte nicht unentbehrlicher für die Profilschärfe des Albums sein. Mit derartigen Songs knüpft die Band nicht nur an vorangegangene Projekte wie dem Beitrag zum Soundtrack von „Drive“ an: Sie bettet die Idee der Musik zum Bild in einen Albumkontext ein. So entsteht eine Atmosphäre, die den Hörer auffordert, eigene Assoziationen zu produzieren. Eine Atmosphäre, die „Kill For Love“ als Album formt und ihm seine Bestimmung gibt.

Ihre Vorstellung vom Album als Konzept, dessen Gesamtheit größer ist als die Summe seiner Einzelteile, entpuppt sich trotz Reizüberflutung und daraus erwachsendem Zwang, Aufmerksamkeit zu erregen, auch heute noch als zeitgemäß. Was Chromatics wirklich zu einer konservativen Band macht, ist ihre Liebe zum manuellen Musikmachen ohne Presets und Konservensounds. Das differenziert sie vom Gros der Synthie-Pop-Künstler aus der Jetzt-Zeit. Produzent und Bandmitglied Johnny Jewel vermeidet all zu vieles Loopen, ist „kein Fan von Pedalen“, wie er es formuliert. So klingt nichts jemals gleich, weil jede Taste immer wieder neu von Hand angeschlagen wird. Damit erfährt auch Horrorfilm-Mastermind John Carpenter seine Huldigung als Vorbild: Chromatics benutzen wie er Vocoder und Originalinstrumente der frühen 1980er. Die Drummachines und Keyboards von damals erheben „Kill For Love“ zu mehr als einer Reproduktion: Das Vinyl-Knistern in „Birds of Paradise“ verstärkt zusätzlich den Effekt, eine Reminiszenz an den reizvollen Gedanken des zeitlichen Stillstands, der in dem Wunsch, das Damals zu konservieren, zu resultieren scheint.

Über die Angst, dass die Zeit sie doch überholt, trösten sich Chromatics unterdessen mit dem Glauben an die Unsterblichkeit des Rock’n’Rolls hinweg - eine Botschaft, die sich in der Wahl des Openers manifestiert. Am Anfang steht das Neil-Young-Cover „Into the Black“, das schon 2009 fertig produziert war und zum Schlüsseltrack des Albums wurde: „I’ve been sitting on it this whole time because we needed to find other songs that’d go with it“, sagt Jewel. Die Jahre der Songschreibens haben sich gelohnt: Die anderen Tracks zeugen von gekonnter Stilübung und dem Gespür für das cineastisch Epische – auch wenn dieser Ansatz auf der zweiten Albumhälfte bisweilen übertrieben wird und das Album zerfasern lässt. „There's more to the picture than meets the eye.“ (Natalie Klinger, eldoradio*)

Links: Chromatics | LabelAlbum günstig kaufen

Anspieltipps

Candy
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Kill For Love
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Into The Black
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The Page
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