Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 48/2011

Albumcover

Childish Gambino
Camp

Was wäre, wenn jeder Mensch vollkommen ehrlich wäre? Aufrichtig auf allen Ebenen. Wäre diese Welt eine bessere? Würden Privat- und Intimsphäre vollkommen verloren gehen? Könnte das überhaupt funktionieren? Aber steckt nicht im Alltag in jeder ritualisierten Höflichkeit ganz viel Lüge und in albernen Witzereien meist mehr Ernst, als man eigentlich wahrhaben möchte? In gewisser Hinsicht nimmt sich Donald Glover alias Childish Gambino diesem Gedankenexperiment auf seinem Debütrapalbum "Camp" an.

Donald Glover ist als Schauspieler unter anderem in der NBC Show "Community" tätig. Dass amerikanische Sprachgesangskünstler in mehreren Kunstbereichen aktiv sind, ist nun wirklich nichts Außergewöhnliches.  Das weiß Glover selbst: "Man, why does every black actor gotta rap some? I don't know, all I know is I'm the best one." Das Debüt des jungen Kaliforniers gewinnt seine Besonderheit aber dadurch, dass er seine schauspielerischen Ambitionen auf lyrischer, stimmlicher und musikalischer Ebene derartig nutzt, dass verschiedene Perspektiven auf den Künstler Childish Gambino geworfen werden können. Simultan wird dadurch die Frage aufgeworfen, wann Gambino als Glover spricht und andersherum.

Obiges Zitat stammt aus der Single "Bonfire", auf der die Drums in Synchronisation mit Echochören im Background so eingängig klingen, als hätten die Hip Hop "Masterminds" Pharrell Williams oder Timberland ihre Hände im Spiel gehabt. Glover hat die Beats aber selbst gebastelt. Favorisierte Thematik ist mitunter auch das eigene Geschlechtsteil. Doch keine Sorge: inhaltliche Varianz ist garantiert, denn neben derartigen Ulkeleien geht es auch wesentlich ernster zu. So wird beispielsweise das Verhältnis zu den eigenen Ursprüngen und zur damaligen Heimat, unter den neuen Konditionen von Glovers jetzigem Status, als einem im Showbuisness etablierten Schauspieler, reflektiert. Im Opener "Outside" analysiert Glover scharf: "It's weird, you think that they'd be proud of 'em, but when you leave the hood they think that you look down on 'em". Ein sehr persönliches Intro, das die komplexe Verwobenheit der einzelnen Stücke zueinander zumindest erahnen lässt. Es geht zurück in die Jugendzeit, ins Sommercamp, einem Ort, an dem Hoffnungen, Träume, Glück und Desillusionen für einen Heranwachsenden ganz nah aneinanderliegen können. Albernheiten und tiefer Ernst. Genau mit dieser Diskrepanz zu kokettieren gelingt Glover äußerst gut.

In "All The Shine" geht es um äußere Erwartungshaltungen, Authentizität und Identität. "Niggas keep asking on whether this dude’s for real or not. I’m not trying to come hard, I’m trying to come me." Die Kunst bei Glover als ein prozessualer Akt? Dafür wirkt das Album zu konzeptreich. Doch mitunter klingt Glovers Rapstil nahezu schon spontan, was natürlich nur als weiterer Indiz für dessen Professionalität zu interpretieren ist. Als wäre Glover im Dialog mit sich selbst, als wäre er gerade wirklich dabei, zu sich zu kommen. Die Genialität einzelner Songtextfragmente liegt eben in jener Kontingenz, die sich der Rapper anscheinend ebenso gerade erst selbst erschlossen hat. Im Gespräch mit sich selbst ist Glover unter anderem in "Heartbeat": “So I’m chilling with my girlfriend, but she is not my real girlfriend, she got a key to my place but, she’s not my real girlfriend.” Simpel, aber amüsant. Und philosophisch: "So why does everyone have a problem with talking stupid shit? Or is it real shit? ‘Cause sometimes that stupid shit is real shit" (aus: "All the Shine").

Und auch in "Backpackers" nimmt er sich selbst nicht allzu ernst: "Alright it's Childish baby, Mr. Talk About His Dick Again, nerdy ass black kid, yeah whatever man I'm sick of him." Nein, wir haben es hier nicht mit einer gespaltenen Persönlichkeit oder dem Steppenwolf zu tun. Glover gesteht sich nur beide Seiten zu, die im common sense eher als bipolar gelten: Rap, der bemüht ist, mit dem Parental Advisory Explicit Content Sticker beklebt zu werden und einerseits tiefgründige Texte, die thematisch weit über pubertäre Albernheiten hinausreichen. Der "Jekyll and Hyde" Effekt bleibt trotzdem nicht aus. Denn auch musikalisch erweist sich "Camp" als ein experimentierfreudiger und anderen Genres offen stehender Longplayer. Das Piano als tragendes Instrument ist ebenso zu finden wie Streicherelemente auf "Letter home" und "L.E.S.", krächzig verzerrte Elektrobässe in feinster Justice Manier auf "Heartbeat" und wunderbar nostalgisch wärmende 80er Synthieparts auf "Firefly". Man spürt die Schauspielerfahrung, denn Glovers Stimme ist ein vielseitiges Instrument, das sich nicht nur für weich gesungene Momente eignet, sondern ebenso für fluchende Freestylepassagen einsetzbar ist.

Am Ende konvergiert alles im Outro. Beziehungsweise offenbart erst der Abschluss des Albums den Ursprung der Ehrlichkeit und Offenheit, die Glover zu sich selbst einnimmt. Ein ruhiger, bewegender Monolog und erneut sehr persönlicher Moment des Albums, der einen Campaufenthalt Glovers erzählt, in dem jener einem von ihm begehrtem Mädchen etwas Intimes anvertraut hat, sie jedoch ihren Mund nicht halten konnte. Glover wurde aber kein Macho oder Frauenfeind, sondern hat eine sehr individuelle Lehre aus dieser Erfahrung gezogen: "I told you something. It was just for you and you told everybody. So I learned cut out the middle man, make it all for everybody, always." Heute präsentiert sich Glover ohne Rücksicht auf Verluste, mal rau als jemand, der von seinen Trieben gesteuert wird, dann wiederum über familiäre Verhältnisse philosophierend. "I’ll give you all of me until there’s nothing left, I swear this summer will be summer Camp, bitch" (aus der Single "Bonfire"). Das Versprechen hat Glover eingehalten. Vielleicht hört ihn ja jetzt auch seine damalige Campbekanntschaft und ärgert sich ein wenig.(Philipp Kressmann, CT das radio)

Links: Künstler  | Facebook

Anspieltipps

Fire Fly, #2
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You See Me, #11
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All The Shine, #4
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Heartbeat, #6
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Outside, #1
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