Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 18/2009

Albumcover

Camera Obscura
My Mauldlin Career

„Spent a week in a dusty library“, singt Tracyanne Campbell und jeder hausarbeitgeschädigte Student wird sich schon am Anfang von Camera Obscuras neuer Platte „My Maudlin Career“ gut in die liebenswürdige Sängerin hineinversetzen können und aufstöhnen. Doch auch die letzten nervtötenden Arbeiten dürften mittlerweile abgegeben worden sein, so dass jetzt Zeit genug ist, sich wieder den schöneren Dingen des Lebens zu widmen. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln in diesem für April außerordentlich fabelhaften Wetter auf der Nase und da melden sie sich auch schon die ersten Frühlingsgefühle in diesem Jahr. Was würde als Soundtrack da nicht besser passen als das vierte Studioalbum der sympathischen Schotten von Camera Obscura?

Herrlich beschwingter Sixties-Pop, gepaart mit der wahrscheinlich liebreizendsten Stimme aus Glasgow seit Ex-Belle And Sebastians Lichtgestalt und lustigerweise Namensvetterin Isobel Campbell. Womit wir, hach, wieder beim Thema wären - die schöne Romanze mit all ihren hämischen Tücken.

„My Maudlin Career“ ist eine Art Odyssee durch das Tal der Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen, etwas womit sich vermutlich jeder Hörer auskennt. Und genau damit spielt das schottische Quintett, sie greifen ein derart universelles Thema auf, dass man gar nicht anders kann, als die süße Frontfrau mit der Bob-Frisur ins Herz zu schließen. Denn, zugegeben, besonders innovativ ist es nicht ein Retro-Album zu machen, auf dem Liebeslieder, gespickt mit vielen Bläsern und Streichern und sogar Glockenspielen, zu finden sind.

Aber in Zeiten in denen möglichst allem das Attribut „New“, „Neu“ oder eben das Popkultur-Äquivalent „Nu“ quasi obligatorisch aufgedrückt werden muss, um nicht in dem Meer von Melodien zu versinken, steuern Camera Obscura zum Gegenkurs an und besinnen sich auf eine (für sie seit mittlerweile 13 Jahren) altbewährte Formel: Eingängige Melodien zum Mitwippen plus einprägsame Refrains (vorzugsweise über die Liebe) zum Mitsingen = eine gute, profitable Pop-Platte. Das mag negativ klingen, ist es aber gar nicht. Denn die Tatsache, dass sie sich nicht verbiegen lassen, lässt sie auf der Sympathie-Skala noch höher klettern.
Wie schon bei ihrem letzten Album, dem kommerziell erfolgreichen „Let’s Get Out Of This Country“ aus dem Jahre 2006, setzten sie wieder auf den schwedischen Produzenten Jari Haapaleinen und schufen zusammen mit ihm elf wundervolle Songs, die nun bei dem Label 4AD erscheinen, dem ehemaligen Heimat-Label der großartigen Pixies.

Die fünf Glasgower verzaubern mit einer derartigen Leichtfüßigkeit, dass man fast vergisst worum es in „My Maudlin Career“ eigentlich geht - den Herzschmerz. Frontlady Tracyanne Campbell öffnet sich auf dem vierten Studioalbum ihrer Band mehr als je zuvor. Sie selbst bezeichnet es als „Dokumentation dessen, was für eine Weile in ihr drin vorging“. So säuselt sie auf der ersten Single-Auskopplung „French Navy“ von einer vergangenen Liebelei („I wanted to control it/ But love, I couldn’t hold it,“) die Ballade „Careless Love“ beschreibt das Ende einer Beziehung und strotzt nur so vor schwermütiger Traurigkeit („You pull my heart out and then you run away.“) Der Titeltrack des Albums reflektiert gekonnt, fast mit einem Zwinkern im Auge, die Campbell’sche Melancholie und steht als Manifest gegen eben jene (“This maudlin career has come to an end/ I don’t want to be sad again.”) Und auch wenn ihr Herz gebrochen scheint, sehnt sie sich im letzten Track des Albums „Honey In The Sun“ nach einer neuen Romanze ("I wish my heart was cold/ But it´s warmer than before.“)

„My Maudlin Career“ birgt nicht unbedingt Überraschungen, kann dafür aber mit erfrischenden Beats auftrumpfen, die sich mit nachdenklichen Tönen abwechseln, die auf eine erfrischende Art und Weise endlich mal nicht Emo-esque erscheinen.

Manche mögen es in die Kategorie „Schmalz“ abtun, aber wenn man ehrlich ist: Wenn Tracyanne Campbell klagt „Waiting to be struck by lightning/ Waiting for somebody exciting“, ertappt man sich doch dabei, wie man nickt und mitseufzt. (Alice Polansky, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 17.04.2009

Band: http://www.camera-obscura.net | Label: http://www.4ad.com

Anspieltipps

  • 01, French Navy
  • 07, Careless Love
  • 08, My Maudlin Career
  • 02, The Sweetest Thing
  • 11, Honey In The Sun

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