Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 03/2011

Albumcover

Cage The Elephant
Thank You Happy Birthday

Was machen wir Menschen mit wilden Tieren? Entweder lassen wir sie unbeachtet in der freien Natur, sofern denn genug da ist, um einen Sicherheitsabstand zum Homo Sapiens zu halten. Oder wir sperren wir sie in Käfige ein und nennen es einen Tierpark. Ein leichtes Prinzip: Was stört, soll auch gefälligst fern bleiben, wird auf Distanz gehalten.

Was machen wir Menschen heutzutage mit Rockmusik und dem, was irgendwie darunter fallen mag? Befriedigt sie unsere Erwartungen nicht, wird sie auch nicht gespielt, verstaubt in der hässlichsten Ecke des CD-Regals und landet irgendwann im Müll. Erweckt sie dann doch noch mal den Eindruck gewisse Erwartungen nicht nur zu erreichen sondern auch noch zu überschreiten, erhält sie einen Schriftzug, der sie als kontrovers und gefährlich verbannt. Damit ist die Platte gekennzeichnet als unerträglich, da die Musik zu fremd, zu überfordernd ist. Was bleibt ist eine öde, sich ständig wiederholende, mittelmäßige Landschaft des Indieirgendwas. Clever genug, um nicht ganz zu unterfordern. Fad genug, um nicht zu überfordern. Zustand konserviert, Belanglosigkeit forever als vorherrschende Einbildung. Zwangsläufig, denn die Gitterstäbe unserer Lautsprecher sind inzwischen gerade mal soweit auseinander, dass das Gewagte, Abwechslungsreiche und daher auch Interessante nicht durchpasst. Resultat: Viele Bands trauen sich nicht mehr, einen Blick aus dem Käfig der Mittelmäßigkeit heraus zu wagen und wir Menschen tun uns schwer, etwas Neues auf uns zukommen zu lassen.

Und dann passiert etwas, woran Musikpessimisten kaum noch zu glauben dachten: Cage The Elephant marschieren ein mit "Thank You Happy Birthday". Sie trampeln die ersten Takte noch leise an in die Richtung unseres monotones und an die Welt gewohntes Inneres, stampfen zunehmend mehr nach vorne und in basslauniger Drohgebärde präsentieren die Wahllondoner ihr Selbstbewusstsein. Selbstbewusst genug für den Anklang fast mahnender Worte von Sänger Matt Schultz: "You know it's always something". Die Trockene Erde bebt zurecht, die Gitterstäbe vibrieren auseinander, es regt sich was, es wird lauter, es staubt, es wird dreckig. Und dieser Schmutz ist so erfrischend, dass an Aufräumarbeiten nicht gedacht werden muss: Zu fesselnd sind die Eindrücke großer, tragender Rockbands wie etwa den Pixies oder den frühen AC/DCs, die hier verarbeitet werden; zu interessant ist der Hau-Drauf-Gestus, der nicht laut ist, weil es eine Formel geben soll, die heißt "laut gleich gut". Es ist kein billiges Gekloppe von verstärktem Instrumentar, kein langweiliges Geplänkel musikalischer Schemen. "I'm just like you" tönt es zynisch bei "Indy Kidz" an, wenn der krisenbesetzte status quo der hier betitelten Generation mit masochistischen Geschrei und hysterischen Gitarren artikuliert wird bis ermüdet und ermüdend wiederholt wird: "You're so cool".  In-Yer-Face!

Kritik ausüben bedeutet hier, dass man auch genügend Kraft dazu zu haben muss. Kritik anzunehmen dagegen verlangt eine dicke Haut. Beides findet sich bei Cage The Elephant's „Thank You Happy Birthday“ wieder. Zumindest geben sie selbst an, sich dem angst-beeinflusstem Schreiben abgewendet zu haben hin zur Selbstverwirklichung: "Wir machen, was wir wollen". Klingt wie eine Standardklausel zur Selbstbeschreibung, schon oft von etlichen Bands gehört, schon oft belächelt. Wenn aber in leichten rockpoppigen Tracks wie "Around My Head" Schrammelparts einfließen, in denen mehrmals hinterhereinander ein affenartiges "uh uh uh uh ah ah ah ah" als Bridge eingesetzt wird, wird die Position der fünf Wahl-Londoner deutlich: Sie machen wirklich was sie wollen. Mit Impulsivität, mit einem Hang zum Spielerischem und doch mit einer Ernsthaftigkeit sich selbst gegenüber. Und dem Wunsch nicht nur draufzuhauen und der Welt zynisch gegenüberzustehen oder sich durchgehend laut zu beklagen. Nicht zuletzt bei "Flow" und dem darin angehängten Hidden Track öffnen sie die Gitterstäbe ihres eigenen Käfigs noch ein Stück weiter auseinander, testen weitere Grenzen aus, setzen sich mit einer Portion Melancholie und einer Idee Folk gemütlich-müde auf ihre zerissenen Sofas und verabschieden sich nach einer nicht allzu leichten Geburt von Experimenten, Hysterie, Kritik und Provaktion. Wir halten das Album in den Händen und in den Köpfen hallt es nach: „Thank You, Cage The Elephant, Happy Birthday. Ihr seid bestimmt nicht die ersten, die ihren Käfig verlassen haben, aber es ist schön, sowas endlich mal wieder erlebt zu haben." (Philipp Wolf, CT das radio)

VÖ: bereits erschienen (Import) / 18.03.2011 (Deutschland)

Links: Band | Label | Myspace

Anspieltipps

Aberdeen, #2
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Around My Head, #9
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Indy Kidz, #3
Link:

Shake Me Down, #4
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2024, #5
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