Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 49/2007

Albumcover

Burial
Untrue

Moloch London. Neben dem Millennium Dome spekulieren Krawattenträger mit Millioneninvestitionen und wirbeln in hektischer Eifrigkeit Aktienpakete samt Pappbecherkaffee umher. Nebenan unterliegen die ehemals brachliegenden Docklands seit zwanzig Jahren dem steten Prozess des Strukturwandels und über allem dreht „The London Eye“ in wienerischer Langsamkeit schweigsam seine Runden. Das ist die Gewinnerseite Londons. Auf der anderen Seite findet der Untergrund Unterschlupf: Urbane Ruinen, düstere Katakomben, leerstehende Häuser und Industrieanlagen. Es ist die Ästhetik des Verfalls die scheinbar magnetisch auf die Kunst- und Musikszene wirkt und die dort totem Baustoff wieder Leben einhaucht.

Burials Zweitling ist zu einem Großteil vertonte Architektur, ist grüner Lichtschein in modrigem Ambiente, ist die Stimmung auf dem wankenden Weg zurück durch schemenhafte Gassen nachts um halb fünf. Nach zu vielen Drogen, nach zuviel Schweiß. Entrückt und etwas fahl zwischen Glück und Tristesse. Es ist aber auch Musik zur Zeit, denn „Untrue“ ist ein Destillat, was sich sowohl den aktuellen Tendenzen des Dubsteps, aber auch der flächigen Elektronik der 90er Jahre verpflichtet und damit haarscharf konform mit einer Definition liegt, die jegliche Regeln über Bord wirft. Die musikalische Verästelung von Jungle und 2Step, Garage und Dub, Drum’n’Bass und Techno ist in London weit verzweigt und kaum mehr auseinander zu dividieren. Der Verzicht auf 4/4, die Lockerheit im Beatfundament und das hier besonders wichtige atmosphärische Moment machen auch die Tracks auf Burials neuem Werk aus. Er zieht alle Register seines futuristischen Könnens und bedient sich dabei durchaus etablierten Stilmitteln von Ambientkünstlern wie Boards Of Canada, dem kleinteiligen Wirr von Aphex Twin oder dem Pop von TripHop-Bastlern wie Massive Attack und verzichtet weitgehend auf erschlagende subsonische Tiefenbässe, die das Klangbild unnötig in Schieflage bugsieren.

Etwas Erhabenes haftet den düsteren und fast immerwährend beruhigenden Tracks an, die viel mehr Sound als Song sind. Fein ziselierte Melancholie zwischen Schauer und Schauder. Regenasse Schwere, die sich in raumtiefen Harmonieflächen ergießt und den Nährboden für spröde Beats und effektbehangene Stimmen bereitet. Melancholisch kühl wirkt deren Hall und jederzeit distanziert. Wilde Brüche gibt es nicht, denn das Repetitive ist Muster, die Dopplung Kalkül. Wie Traumschleifen vergessener Erinnerungen und mondsüchtiger Poesie klingen die zugänglichsten Stücke wie der Untergrundhit „Ghost Hardware“. Nähme jemand ein Puppenhaus und stellte es an den Abgrund der Welt, um dann aus einiger Entfernung per Fernglas dem entrückten Treiben zuzuschauen, so wären die zerdehnten Lautmalereien zuckriger Vokalakrobatik eine Komposition, die diesem Song sehr nahe kommt. Lieblich wärmend und dabei in ständiger Gefahr durch den ein oder anderen Bass von der Klippe gestürzt zu werden. Und dieses Bühnenhafte trifft man immer wieder, ebenso das in Nebel getauchten Nirgendwo. Wo genau? Das lässt sich nicht genau lokalisieren, zu unübersichtlich sind die weiten Räume in denen Burials Beats verhallen, zu versteckt die Nischen, aus denen Rauschen und Stimmversatzstücke quellen. Die Funktionsweise ist sein Mysterium. Klackernde Synkopen, Gefühle, die sich schwimmend oder vaporisiert verlieren. Zerstäubt und verteilt auf hängenden Flächen, die aber nie ins Kitschige driften. Vage, verschwommen, unfassbar im Wortsinne entzieht sich dieses Album einer stimmigen Beschreibung. In Harmonie gehüllt und dennoch treibend, weit und intim gleichermaßen – Gegensätze ziehen sich hier magisch an und wären ein exzellenter Soundtrack für künstlerische Filme mit geisterhafter Optik und literweise Regen aus Gießkannen. Bei „Shell Of Life“ bahnt sich der Rhythmus seinen Weg, wirbelt einen technoiden Dub auf und sammelt sich in einem Rausch des Sinnlichen, „Endorphin“ umkreist hingegen Düsternis und Melancholie, bevor schier endlose Flächen Funken von Hoffnung und Zeitlosigkeit versprühen. „Archangel“ legt danach passend hypnotische und höchst melodische Schlaufen aus, die schnell zu Schlingen werden.

Die Motiventwicklung bleibt dabei das ganze Album über spannend, gibt man dieser nicht ganz einfachen Platte die nötige Zuneigung. Ein kurzes Vorbeihorchen wird „Unreal“ nicht gerecht, denn Burial lässt den Klängen ebenso viel Freiraum wie dem Zuhörer: Nur wenige Stücke sind programmatisch. Jeder darf interpretieren, erkennen, verwerfen. Nicht umsonst gibt er sich auch als Person gesichtslos, subtrahiert sich als Mensch aus dem Rezipiententum. Es existieren kaum Interviews, jedwedem Fotoshooting hat er sich versagt. Die Existenz dieser Platte soll genügen. Fürwahr: Im rechten Licht und zur richtigen Nachtzeit im Club oder auf dem Kopfhörer genossen, hebelt dieses Album die Grundsätze von Raum und Zeit aus ihrer Verankerung und ergießt sich in wohligem Schauer. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ 09.11.2007

Künstler: http://www.myspace.com/burialuk | Label: http://www.hyperdub.net/burial.html

Anspieltipps

  • Archangle, Track 2
  • Etched Headplate, Track 6
  • Ghost Hardware, Track 4
  • Endorphin, Track 5
  • Shell Of Light, Track 9

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