Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2006

Albumcover

Built To Spill
You In Reverse

Das Unkraut ist gejätet. Nun sitzt er mit einem mit einem zufriedenen Hippiegrinsen auf der Veranda seines aus Zedernstämmen erbauten Holzhauses und schaukelt den anbrechenden Abend in den Schlaf. In Boise, Idaho ticken die Uhren eben noch etwas langsamer. Da sorgen die Ausläufer der Rocky Mountains für das Gefühl der Ursprünglichkeit, das auch die Lodge mit festem Griff umschließt. Doug Martsch ist zu Hause.

Und von dort mag er nur ungern fort. Obwohl der Ruf der Lobbyisten immer energischer wird, verlässt er nur für eine überschaubare Anzahl von Konzerte in der Heimat seinen knarzenden Stuhl. Nur weil es eben sein muss, so scheint es. Und es muss sein. Immer dann, wenn er nach und nach Songs für ein komplettes Album zusammen hat. Dieser Mann hat Zeit und nimmt sie sich. Nach Europa wird er es wieder nicht schaffen.

Mitte der 90er Jahre war es, als der Gitarrenunderground in der Post-Nirvana-Krise steckte und nur brüchiges Stückwerk produzierte. Da hob Doug Matsch Built To Spill als Einzelmachwerk aus der Taufe, definierte den Indierock als ästhetischen Kontext mit den versöhnlichsten Momenten der Popgeschichte, schaulaufenden Gitarren und wie zufällig freigesetzten Wundermelodien. Und sein Auftreten war frei von Ironie, frei von angetäuschter Gebrochenheit, frei von maskulinem Gehabe. „Perfect From Now On“ hieß es und dieser Titel war keine Hypothek, vielmehr eine Prophezeiung.

Und weil sich Doug Martsch inzwischen damit abgefunden hat, dass er den fehlenden Baustein zum Heldentum in diesem Leben nicht mehr finden wird, beginnt er „You In Reverse“ mit einem Monstrum von Song. Über ganze neun Minuten rumpelt der Opener lange Strecken über stimmlose Felder, nimmt Fahrt auf und fasst kurzerhand das bisherige Schaffen zusammen. Built To Spill waren nie weg, auch wenn sechs Jahre die Gehölze in Idaho und Dougs Bart haben wachsen lassen.

„You In Reverse“ ist Nostalgiestimmung und Sehnsucht, vielleicht sogar ein bisschen rückwärtsgewandt. Die Klarheit der Produktion, das Verspielte in den Songs des Vorgängers „Ancient Melodies Of The Future“ ist einem dunstbeladenem, langgewalztem Rocksound gewichen. Mit viel Gespür für Atmosphäre und zelebrierte Gefühle zwischen wohliger Melancholie und auflodernder Lebensfreude, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, die nie kitschig, albern oder aufdringlich klingen. Und wenn die Graugänse auf ihrem Weg nach Süden über seinem Kopf dauerkreisen, dann lässt er seine Gitarre eben auch endlos in den Boxen widerhallen. Aber wer hier nur verkiffte Trägheit wittert, liegt falsch. Vielmehr bereiten die hypnotischen Momente die Nährböden für pochende Nachhalle wie bei „The Wait“, das die permanente Unzufriedenheit thematisiert. Das Leben als permanente Baustelle, wo das Danach auch das Davor ist. Wo das Leben voll süßlicher Traurigkeit oder ihrem Geruch ist, den man noch tagelang mit sich herumträgt, wie die versponnenen Melodien im Ohr. Oder die Liebe und das sorgenvolle Beharren auf die Möglichkeit einer besseren Welt. Da lässt sich die Single „Conventional Wisdom“ mit ihrem allesbejahenden Gitarrenspiel und dem Motorpsychoeskem Leerlauf am Ende nicht lange bitten, bevor das verhuschte „Liar“ Dougs Gesang am besten zur Geltung bringt – ein näselndes Gesäusel, das sich den Gitarrenlinien anschmiegt und klingt, als sei die Stimme in Tüll gehüllt. Ein bisschen zu sehr verhallt und zu lautmalerisch eben. Und durch und durch wunderbar.

Vieles beginnt rockhymnisch, um später einer sphärischen Ansammlung seltsamer Geräusche Platz zu machen, aus denen sich langsam aber sicher eine traumwandlerische Popmelodie schält. Kein Aufreger schert aus der akkurat drapierten Songreihe aus, keine Hektik macht sich breit. Und so darf „You In Reverse“ ruhigen Gewissens als Synonym für Souveränität im Duden vermerkt werden.
Zweifellos waren die Melodien schon quirliger, ihre Songs überdrehter, die Arrangements knackiger – das neue Album aber schafft mit traumwandlerischer Leichtigkeit den Spagat zwischen uferloser Weite und dem Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Auf einer Veranda in Boise, wo sich der Indierock in seinem Schaukelstuhl unter der nestwärmenden Decke zufrieden zurücklehnt. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: http://www.builttospill.com | Label: http://www.warnermusic.de

Anspieltipps

  • Gone #7
  • Conventional Wisdom #6
  • The Wait #10
  • Wherever You Go #5
  • Liar #3

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