Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 04/2005

Albumcover

Bright Eyes
Digital Ash In A Digital Urn / I'm Wide Awake, It's Morning

"So I Go Back And Forth Forever. All My Thoughts They Come In Pairs." singt Conor Oberst auf "I´m Wide Awake, It´s Moning", einem der beiden neuen Alben. Doppelt hält besser, ja. Zwei für eins? Auf keinen Fall. Die Bright Eyes veröffentlichen gleich zwei Alben auf einmal. Und wenn der Künstler neue Wege geht, kommen wir gerne mit. Deshalb küren wir zum ersten Mal gleich zwei Alben zum Silberling.

Conor Oberst kommt aus den USA, hat mit 13 Jahren schon erste Tapes aufgenommen, ist von Nebraska nach New York gezogen und hängt dort gerne mit Michael Stipe von R.E.M rum. Kreatives Potential scheint also zur Genüge vorhanden zu sein. Zudem wird Nachbarschaftshilfe groß geschrieben: Clark Beachle von den Label-Nachbarn The Faint oder auch Nick Zinner, Gitarrist von der Yeah Yeah Yeahs gehen in den Studios aus und ein.

Hören wir uns also die neuen Platten an. Und ja, es klingt komisch dies in der Mehrzahl zu schreiben. Da wäre zunächst das Album "Digital Ash In A Digital Urn". Manche Kritiker nennen das ein Folk-Album, aber die müssen irgendwo in einem Parallel-Universum eine andere Bright Eyes Scheibe gehört haben, sonst kommt man auf so einen Unfug nicht. In welche Musik-Schublade ich das Album stecken will kann ich aber auch nicht wirklich sagen, sorry. Was hört man? Viel Melodie, okay, aber das ganze deshalb schon Folk zu schimpfen? Nee, echt nicht. Subversive Elektronika untergraben das Genre. Kleiner Soundbeweis gefällig? In "Arc Of Time" reicht uns Master Oberst karibische Rhythmen (!), mit einem Klatsch-Chor inklusive. Auf einem Bright Eyes Album. Die Experimentierfreudigkeit hat also Einzug gehalten. Und Mut. Weil es nicht das tiefst-traurige, desolat-melancholische Werk ist, wie die früheren Alben. Weil die Texte eine klarere Sprache sprechen und deshalb auch mehr Angriffsfläche bieten.

Conors zitternde, fast zerbrechliche Stimme dominiert natürlich weiterhin die Songs. Und es ist wie mit allen großen Stimmen: entweder du liebst sie oder du hasst sie. An diejenigen die sich im Falle Bright Eyes eher in der zweiten Kategorie sehen: man gewöhnt sich dran! Wovor wurde ich bloss gewarnt? Wieso wird Conor Oberst als genialer, aber höchst depressiver Nerd beschrieben? Ich finde das Album wunderbar! Das Klagende, Jammernde, fast schon Weinerliche ist zwar immer noch die Welt von Oberst und er für tragische, hoffnungslose Töne bekannt, dennoch: man hält nicht mehr jedes Mal den Atem an, das Suicidale gerät in den Hintergrund. "Gold Mine Gutted", der zweite Song auf "Digital Ash In A Digital Urn", ist zum Besipiel ein ganz bezauberndes Stück, zum ankuscheln. Okay, in Track 9 präsentiert uns die Band ein "Babygeschrei" Sample, aber das verbuche ich unter "Kunst" und finde es im schlimmsten Fall nervig, nicht aber verstörend.

Der Anfang von Album Nummer Zwei "I´m Wide Awake, It´s Morning" macht mir dann doch ein bisschen Angst. Conor erzählt in "At The Bottom Of Everything" eine Geschichte. Zunächst glaubt man, gewöhnliche Gesellschaftskritik herauszuhören. Eine Frau sitzt im Flugzeug, liest eine Story über ein Dritte-Welt-Land und findet es gaaanz schrecklich und ist ja ach-sooo betroffen. Dann: genau, stürzt das Flugzeug ab. Sie fragt den Mann neben sich, wohin gehen wir? Er sagt: auf eine Geburtstagsparty, Deine Geburtstagsparty! Und der Song nimmt auf einmal fröhlich-bunte Gestalt an, wie eines der Lieder, die man im Kindergarten gesungen hat. Einfache Melodie und auf jeden Fall einen Mitsing-Teil in dem einzelne Wörter wiederholt werden: "We Must Sing, We Must Sing, We Must Sing" oder "We Must Run, We Must Run, We Must Run". Aber wirklich fröhlich wirkt es dennoch nicht.
Ich beginne zu verstehen: "I´m Wide Awake, It´s Morning" ist getragener, aber auch rückwärtsgewandter als "Digital Ash In A Digital Urn". Ruhiger, irgendwie düster und manchmal klingt auch Country mit durch. Ein klassisches, dennoch intensives Singer/Songwriter-Album, das auch ein Conor Oberst Solo-Album sein könnte. Er, in sich versunken, seine Gitarre im Anschlag auf einem Barhocker sitzend.

Auf den beiden Alben zeigt sich vielleicht besser denn je das Schizophrene: das Landei Conor Oberst das nach New York gezogen ist, der lieber auf einem kleinen Indie-Label bleibt obwohl durchaus Angebote von großen Majors kamen, der poppige Rock-Song neben der Akustischen-Depri-Ballade, aber eben nicht daneben, sondern auf der anderen CD. "Digital Ash In A Digital Urn" hat mitunter einfach mehr Highlights, ist mehr ein Bright Eyes Album, ein Band-Album, das viel mehr Spielereien zulässt, mehr Einflüsse von außen annimmt und auch elektronische Aspekte offenbart. Wahrscheinlich muss man wirklich beide Alben hören, um die Bright Eyes zu hören. Oder um mit den Worten des Masterminds dieser beiden Alben zu sprechen: "I Raise My Glass To Symmetry". (Kristina Budde, eldoradio*)

Künstler/Label: www.saddle-creek.com

On Tour: 22.02. Köln, Stollwerck und 25.02. Bielefeld, Ringlokschuppen

Anspieltipps

  • Take It easy (Love Nothing), #5 (Digital Ash In A Digital Urn)
  • We Are Nowhere And It´s Now, #2 (I´m Wide Awake, It´s Morning)
  • Gold Mine Gutted, #2 (Digital Ash In A Digital Urn)
  • Road To Joy, #10 (I´m Wide Awake, It´s Morning)
  • I Believe In Symmetry, #7 (Digital Ash In A Digital Urn)

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