Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 41/2009

Albumcover

Brand New
Daisy

Und wieder einmal muss die technische Trickkiste für Illusionen sorgen. Zumindest für den musikalischen Rahmen des vierten Studioalbums mit Namen „Daisy“ von Brand New trifft dies zu. Diesen Rahmen findet man, wie sollte es auch anders sein, im ersten und im letzten Track. Ein Brummen, ein dumpfer Knall und der leicht verzerrte Klang des Pianos und der Sängerin, die ein leicht sentimentales oder vielleicht sogar schmalziges Lied vorträgt, soll uns beim Opener „Vices“ vorgaukeln, dass wir gerade einem Grammophon – also der Stimme aus dem Jenseits bzw. aus der Vergangenheit – lauschen. Doch plötzlich werden diese kitschig-schönen Klänge brutal von der Gegenwart zerstört, wenn plötzlich Brand New mit wildem Rock-Klang inklusive Schreigesang den Raum für sich vereinnahmen. Der Closer „Noro“ kommt deutlich weniger bombastisch daher, endet aber natürlich mit eben diesem Grammophonlied, das auch hier einen Kontrast zum Rest des Songs und des Albums setzt. Können Brand New also für Akzente in der Jetztzeit der Rockmusik sorgen? Oder verpufft ihr neues Werk, aufgerieben vom ungezügelten Vorgänger mit Versatzstücken des Vergangenen?

Wenn wir nun gucken, oder besser hören, was uns die vier Jungs aus Long Island/New York zwischen diesem Rahmen an Spielarten der Musik präsentieren, könnte man fast auf die Idee kommen, bei dem Album handele es sich um einen groben Abriss der Popmusikgeschichte, denn es finden sich von Country über Blues, Indie, Rock bis hin zu Punk und Metall viele Anspielungen auf diverse Musikstile des 20. Jahrhunderts. Den Poppunk ihres Debüts haben sie in der Rumpelkammer verstaut, mit neuem Schaffensdrang wollen sie Bedeutung generieren und scheuen nicht vor dem Brachialen zurück, das aber wie beim Opener oft zum Selbstzweck verkommt. Grob bleibt diese musikalische Reise indes darum, weil über die ganze Platte hinweg eine einzige Stimmung dominiert - und die ist düster und melancholisch, teils sogar depressiv. Der Sound bleibt dabei auch fast auf einem Level, nämlich schmutzig und dreckig, auch wenn die New Yorker gern mit dem üblichen Kontrast zwischen laut und leise, sanft und hart spielen. Zuweilen kann das mit den Kontrasten aber auch schon fast zwanghaft wirken – bis auf die beiden Songs „Bed“ und „You Stole“, die innerlich ausgewogener klingen als der Rest der Tracks – und irgendwann dann auch ein wenig nerven. Überhaupt: Die Gitarrenseiten reißen, aber die Emotion nicht entsprechend mit. Man möchte Fäuste recken, Schmerzen schreien, leiden, rebellieren - und bleibt oft in den Ansätzen etwas unbeteiligt und reglos stecken.

Mit "At The Bottom" oder dem druckvollen "Sink" setzen sie Höhepunkte in ratlosem Milieu: Avantgardistisch möchten Brand New sein, sind aber in ihren Mitteln begrenzt. Der Klang ist zwar durchaus des Jahres angepasst, verpasst aber, dem Rock einen neuen Anstrich zu geben. Seit ihrem erfolgreichen dritten Album „The Devil And God Are Raging Inside Me“ haben sich Brand New zwar verändert, aber nicht immer ist Veränderung auch ein Garant für deutliche Verbesserung. Natürlich wollen wir nicht immer geschönte und polierte Traumwelten vorgelogen bekommen, aber „Daisy“ wirkt insgesamt zu monoton und dabei auf der einen Seite zu schmutzig und düster, auf der anderen Seite vielleicht auch nicht schmutzig und düster genug, um über die volle Distanz zu fesseln. Entsprechend uneindeutig fällt auch das Urteil aus: Vielseitig und vielschichtig ist Brand News Klang, offenbart Falltüren und spröde Strecken voller Agonie. Letztendlich ist die Metamorphose zur Aktualisierung der Rockmusik jedoch nicht gelungen. Das Grammophon spielt. (Florian Hesse, Triquency)

VÖ 25.09.2009

Band: http://www.myspace.com/brandnew | http://www.interscope.com

Anspieltipps

  • MO: At The Bottom, Track 03
  • DI: Daisy, Track 09
  • MI: Sink, Track 07
  • DO: Bed, Track 02
  • FR: In A Jar, Track 10

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