Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 26/2011

Albumcover

Bon Iver
Bon Iver

Beim ersten Hören von Bon Ivers Erstlingswerk “For Emma, Forever Ago” lag der Gedanke nahe, die Band schreibe sich “Bon Hiver”, also “schöner Winter”. Die Internetrecherche blieb verwirrend, stattdessen drehte sich das Album noch ein 15. Mal im Repeat. So schön passte es zum Schnee, der jegliche Geräusche verschluckt, zum eisigen Wind, der die Nasenflügel gefrieren lässt. Der Soundtrack für endlose, einsame Winterspaziergänge im blauen Zwielicht. Jetzt ist Juni. Der denkbar schlechteste Zeitpunkt für einen Bon Iver-Nachfolger. Ha! Denkste! Auch wenn die Texte von Bon Iver-Mastermind Justin Vernon oft vom Winter handeln, liegen die Gedanken auf einer saftig, grünen Wiese und am Himmel ziehen drei Wolken vorbei. So luftig und leicht kommen die zehn neuen Songs des Albums daher.

“Bon Iver” ist ein Album der Songanfänge. Die verzweifelte Stimmwand in den ersten Sekunden von “Calgary” macht es schier unmöglich sich dieser ersten Single zu entziehen: “Don't you cherish me to sleep/Never keep your eyelids clipped”. Die Instrumente bilden zwar die Basis, doch erst der gebrochene Gesang macht den Song so ausdrucksstark. In “Minnesota” lassen die ersten Zeilen das Herz für einen kurzen Moment aussetzen - so viel Perfektion, so viel Gefühl: “Armour let it through, borne the arboretic truth you kept posing”. Vernon’s Texte sind dabei ungefähr so verständlich und trotzdem spürbar genial wie eine Originalausgabe von William Shakespeare.
 
Die Songs nehmen den Hörer mit auf eine Reise durch kleine, manchmal imaginiäre Orte im mittleren Westen der USA bis ins nahe gelegene Kanada. “High above the highway aisle/Jagged vacance, thick with ice/I could see for miles, miles, miles”, singt Vernon in “Holocene” und schafft es innerhalb von drei Textzeilen Resignation in luftiges Wohlwollen aufzulösen. Wie die Städte bei einen Roadtrip an lange Straßen entlang reihen sich die Songs aneinander ohne dabei langweilig oder gar gleich zu klingen. Im Gegensatz zu “For Emma, Forever Ago” ist “Bon Iver” kein Soloalbum mehr. Die Band, die Vernon die vergangenen Monate auf Tour begleitet hat, war auch im Studio mit dabei. Nicht nur als Auftragsmusiker, sondern als Co-Autoren. Insgesamt ist der Sound so fülliger und opulenter geraten, dabei aber immer noch so intim und unauffällig wie beim Debüt. Dessen Kargheit ist aufgebrochen und durch Detailreichtum ersetzt worden: Bei “Towers” dringt nicht nur die Kopfstimme eines herzschmerzenden Justin Vernon’s ins Ohr, sondern eine mindestens zehnfach mich sich selber gedoppelte Version. Beim bridge-artigen Part gegen Ende wird nochmal das gesamte Orchester samt Frauenstimme und bezaubernden Harmonien herangezogen. So mächtig im Gegensatz zum restlichen Song, dass es wie ein Traum wirkt. Die Instrumentalisierung auf “Bon Iver” bewegt sich zwischen minimalistisch und episch. Im Eröffnungssong “Perth” trommelt irgendwo am Horizont die Snare Drum einen Marsch - simpel und dennoch mit allerhand sanfter Gewalt. Die Songs sind so eng komponiert, dass kein Ton mehr dazwischen passt, es aber dennoch nicht überfüllt oder erschlagend klingt. Justin Vernon hat sich seit dem letzten Album vor vier Jahren von einem sehr guten Songwriter zu einem ausgezeichneten entwickelt. Während Vernon in alten Songs wie “Skinny Love” nach einem klassischen Gitarren-Troubadour mit gelegentlichen Ausschweifen klingt, sind die Songs auf “Bon Iver” auf den Punkt komponiert. Keine Brüchigkeiten mehr, sondern Perfektion in Pop.
 
Bon Iver messen sich auf Augenhöhe mit Songschreibergrößen wie Bright Eyes (“Towers” könnte sich auch gut auf der Country-Folk-Platte “I’m Wide Awake It’s Morning” verstecken), Sufjan Stevens (“Hinnom” auf einer der Bundesstaat-Platten) oder Iron & Wine (das Sanfte und das Saxofon der diesjährigen Platte). Solche Vergleiche sollen keinesfalls den Eindruck erwecken, Bon Iver seien eine einfache Kopie. Das hier übertrifft die Erwartungen um Längen, was Eigenständigkeit und Güte angeht: Am Ende bleiben knapp 40 Minuten tiefenentspannte Schönheit. Melancholisch, aber hoffnungsvoll. Und jetzt bitte raus auf die Wiese einen Gänseblümchenkranz pflücken! (Caterina Reinker, Radio Q)
 
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Anspieltipps

Perth, #1
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Towers, #4
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Holocene, #3
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Minnesota, WI, #2
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Michicant, #5
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