Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 26/2012

Albumcover

Bobby Womack
The Bravest Man In The Universe

Richard Russell, Chef des britischen XL-Recordings-Label, antwortete dem Guardian einmal folgendermaßen auf die Frage, nach welchen Kriterien er Künstler unter Vertrag nimmt: „Die Musik, die sie bis zum Zeitpunkt des Signings gemacht haben, ist für mich nicht so wichtig. Es geht vielmehr um den Menschen, seine Ideen, seinen Charakter und die Richtung, in die er sich bewegen will.“ So gesehen passt Bobby Womack, mittlerweile 68 Jahre alt, perfekt zur Philosphie des Labels, auf dem unter anderem Sigur Ros, Radiohead und Adele ihre Alben veröffentlichen. Womack hat sich in seinem langen musikalischen Leben über Gospel, Blues, Country, Rock und Funk in so ziemlich allen Genres ausgetobt. 15 Jahre nach seinem letzten Studio-Album hat er nun mit Blur-Sänger Damon Albarn und Richard Russell ein neues Album aufgenommen: „The Bravest Man In The Universe“. Albarn, der sich in den letzten Jahren auch immer wieder exotischen Musikstilen zugewendet hat (und so wie Womack ganz im Zeichen der XL-Philosophie steht), steuerte die Piano-Passagen bei, Labelchef Russell persönlich entwickelte die Beats und Songgerüste.

Um derlei unterschiedliche musikalische Facetten zu einem großen Ganzen zu formen, braucht es natürlich Fokussierungen. Einige dieser Leitlinien begegnen uns zwischendurch fast wortwörtlich: "As a singer grows older, his conception grows a little deeper because he lives life and he understands what he's trying to say a little more." Dieses aus dem Jahr 1968 stammende Zitat von Sam Cooke, Bobby Womacks Mentor und Freund, taucht als rauschendes Sample im Song „Dayglo Reflection“ auf. Und es trifft sehr genau den Kern des Albums, der schlicht aus Bobby Womacks Stimme selber besteht: Alle Tragödien, alle Skandale seines Lebens haben Spuren in ihr hinterlassen. Spuren, die Tracks wie die R'n'B-Ballade „Stupid“, den reduzierten Gospel „Deep River“ oder die erste Single des Albums, „Please Forgive My Heart“ erst so berührend machen. Hier blickt einer gegen Ende seines Lebens zurück auf eine unglaubliche Geschichte von großen Erfolgen und umso heftigeren Abstürzen, Drogen und privaten Tragödien.

Trotzdem konzentriert sich der heute 68-jährige Womack nicht nur auf seine persönliche Geschichte. In einem Interview sagte er kürzlich, dass es ihm auf seinem neuen Album auch um all die Musiker und Freunde ginge, die im Gegensatz zu ihm nicht mehr leben: Jackie Wilson, Sam Cooke oder Wilson Picket. „I'm gonna set the record straight.“ Dieser doppelte Ansatz, in dem es zwar um Womacks Rückschau auf das eigene Leben, jedoch auch um Aufmerksamkeit für eine untergegange Musikepoche geht, schlägt sich auch in der Ausgestaltung der Songs wieder. So ist zum Beispiel „Whatever Happened To The Times“ ein Remake des gleichnamigen discoiden Womack-Tracks von 1986. Während das Arrangement des Originals ziemlich genau das ausdrückt, was einen an den Plastiksynthesizern und übertriebenen Schlagzeugsounds der 80ern nerven kann, sind seine Texte damals wie heute herausragend. „I’m just looking for, for my yesterday. So my only memories, I watch them fade and fade away.“ Womack covert sein fast 30 Jahre jüngeres alter ego und der Vergleich der beiden Aufnahmen macht klar, wie sehr Womacks Haltung zur Welt schon immer von Melancholie geprägt war. Irgendwann in der Mitte des Songs erklingt wie aus einem Nebenzimmer ein mehrstimmiges Murmeln, zwischendurch hört man einen verhallten Synthesizer mit einer mittlerweile vergessenen Disco-Melodie: Hier geht es eben nicht nur um ein Selbstgespräch des Sängers, hier lässt sich auch ein Dialog zwischen moderner elektronischer Musik und der untergegangenen Welt des früheren Discosounds, Souls und Funks entdecken. Bezeichnenderweise hat der der junge Warp-Produzent Kwes für diesen Track den Sound beigesteuert.

Bezeichnend, dass neben Womacks eigener Stimme noch mehrere zu entdecken sind. Im Interlude zu „Stupid“ hört man Gil-Scott Heron, der 2010 mit „I'm New Here“ ein ähnliches Comeback auf XL Recordings feierte. Um das Spiel der Stimmen auf dem Album noch ein wenig zu verkomplizieren, wirkt dann auch beim erwähnten „Dayglo Reflection“ niemand geringeres als Lana Del Rey mit. Was auf den ersten Blick unpassend erscheint, ergibt beim Hören einen hochinteressanten Effekt: Womacks emotionaler, authentischer Gesang und und sein Kontrapunkt in Lana Del Reys nihilistisch-abwesendem Refrain machen „Dayglo Reflection“ zu einem versiert mehrschichtigen, spannenden Song.

Das Zentrum ist trotzdem ganz offensichtlich Bobby Womack selbst, besser: seine Stimme. Da, wo in zeitgenössischen Produktionen möglichst obskure Samples ausgegraben werden, um den Veröffentlichungen Tiefe und Raum zu verleihen, beschränken sich Damon Albarn und Richard Russell auf ein schlichtes und modernes Soundgerüst als Teppich für die elegant-brüchige Stimme des Protagonisten. Die musikalische Untermalung klingt auf den meisten Stücken wie „klassischer R'n'B“ mit einem Hauch Londoner UK-Garage-Vibe.

Bestechend klingt auch die bereits veröffentlichte Single „Please Forgive My Heart“. Nicht nur, weil dieser Song am ehesten an den erfolgreichen Bobby Womack der frühen Siebziger anschließt. Damon Albarn zartes Pianospiel ergänzt sich hier perfekt mit den Beatbasteleien Jason Russells. Auf „The Bravest Man In The Universe“ blickt ein gealterter Künstler in modernem Soundgewand auf sein unglaubliches Leben zurück. Das ist bewegend, bunt, unterhaltsam und sogar noch ein wenig lehrreich. Und das kann ja nun wirklich nicht jede beliebige Platte für sich behaupten. (Nils Demetry, CampusFM)

Links: Website | Facebook | Label

Anspieltipps

If There Wasn't Something There, #8
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Dayglo Reflection (feat. Lana Del Rey), #4
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Please Forgive My Heart, #2
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Deep River, #3
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Stupid, #7
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