Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 48/2003

Albumcover

Blink 182
Blink 182

Ein Blick ins Booklet. Brav werden fix Gott, Mami und Papi gegrüßt. Dann kommen schon Frau, Tochter und Sohn. Wie niedlich! Was kann man also von einer Band erwarten, die zusehends mit Heirat, Kindern und Hausbau beschäftigt ist?

Klar, die Platte wird ein Mega-Seller, alleine weil „Blink 182“ draufsteht.
Zudem die weitere Covergestaltung mit einem total fröhlichen Smilie in chicem pink und minze so cool und rebellisch daherkommt wie das gesamte Bandprodukt: Frisch verwegen gegelt und stylisch in Klamotten geschmissen, passen sie perfekt zugeschnitten auf die pubertierende Zielgruppe. Schon so ein wenig tough und evil, aber auch nicht zu viel - damit die Mami keinen Schock kriegt.
Geht also mit „Blink 182“ ein am Reißbrett der Plattenindustrie entworfenes und altbewährtes Konzept in die nächste Runde? Jein.

Diese Platte knüpft zumindest ohrwurmtechnisch nicht an die platinveredelten Vorgängeralben „Enema Of The State“ und „Take Off Your Pants And Jacket“ an.
Wo dort noch eingängige und straight vorgetragene Spaßpunk-Hymnen im Vordergrund standen, wurden diese von eher durchschnittlichen Midtempo-Nummern abgelöst. Keine Frage, die Gitarren rocken und ein Riff jagt den nächsten. Nur ist es immer derselbe. Alles klingt ungewollt bemüht und findet seine Entfaltung auch nicht in den - für Blink 182 - neuartigen Spielereien mit elektronischen Anleihen, 80er-Jahre-Keyboards und verschachtelten Songstrukturen. Es läuft halt fast immer auf eine - in immer den gleichen Stimmlagen und Melodien geartete - Strophe hinaus, auf die ein einfältiger Refrain folgt: „Down, Down, Down, Down“; „Go Go Go Go, I Don´t Wanna Know“.
Die Band ist durch die Einflüsse der Sideprojekte (Transplants, Box Car Racer) musikalisch offener geworden und hat Mut zu Experimenten, die aber ein ums andere Mal nicht so punktgenau zünden wollen. Der Zuhörer bleibt irgendwie unberührt. Vermeintlich gefühlvolle Momente geraten langatmig und strotzen vor Klischees. Zum Song „Stockholm Syndrome“ wird mit einem, mit aufgesetzter Betroffenheit vorgelesener und episch-dramatisch untermalter, Liebesbrief emotionaler Tiefgang suggeriert. Stammt dieser doch angeblich vom Großvater des Bassisten Mark Hoppus – geschrieben während des Fronteinsatzes im Zweiten Weltkrieges an seine Ehefrau. Wir packen schon mal die Tempos aus, so grauenvoll und lächerlich inszeniert wirkt dies.
Weiterer Tiefpunkt ist die weinerliche Ballade „All Of This“ mit der sich die Band - laut eigenen Angaben - einen Traum erfüllt hat: Eine Kooperation mit „The Cure“-Frontman Robert Smith. Der scheint von Sinnen oder in arger Geldnot zu sein, sich zu den Background-Vocals dieses Songs hinreißen zu lassen.

Aber Hits sind bei einer solchen High-Budget-Produktion und der 6-Alben-Routine der Band natürlich auch auf der Platte. „Easy Target“ bekommt dank einer stimmlichen Abwechslung und einem zweiten Satz Gitarren die Trophäe für den besten Song, gefolgt von der wohl hinlänglich bekannten Single „Feeling This“, die durch geschickte Melodienführungen und eine trockene Instrumentalisierung besticht. „Here´s Your Letter“ ist ein Song im alten, typisch gradlinigen Stil der Band. Druckvoller und radiotauglicher Skatepunk, so wie wir ihn gewohnt sind.
Jedoch Gitarren satt und einige energiegeladenen Melodien reichen hier nicht aus. Die Band versackt musikalisch mit „Blink 182“ im grauen Mittelmaß. Böse Zungen könnten jetzt behaupten: War das jemals anders?

An der Textfront gibt´s auch nichts Neues. Die Inhalte seit Eh und Je belanglos. Und mit schnieken Villen im Nobelviertel, einem geregelten Familienleben und mittlerweile 30 Lenzen über Probleme der 12-16jährigen Zahnspangenträger zu singen, muss einfach mit der simplen und vulgär angehauchten Sprache aufgesetzt und zunehmend gewollt klingen. Zugegeben, Blink 182 sind in den Lyrics nachdenklicher und vielfältiger geworden. Wenn ich oben noch behauptet habe, die Band beschäftige sich nur mit Teenagerproblemen, dann muss ich das an dieser Stelle ein wenig revidieren. Themen wie Selbstzweifel oder fehlende Kommunikation (haben wir da eine tiefgehende und subtil-politische Dimension der Songs etwa übersehen?) haben sich eingeschlichen und zeugen von der Weiterentwicklung der Bandmitglieder.
Aber mal ehrlich: Darf, oder besser muss, man das nicht von Menschen in deren Alter verlangen? Der Rest der 15 Songs geht dann - wie gehabt- um die alltäglichen Schulprobleme und „Boy meets Girl“-Stories.
Natürlich erwartet keiner ernsthaft die Punk-Attitüde der Mitsiebziger; Punk hat sich selbst überholt. Und mit der politisch revolutionären Geisteshaltung des Urpunks hat der heutige Punkrock erst recht rein gar nichts zu tun. Dennoch: Blink 182 agieren mit so wenig Wut, Emotionen und Kraft, dass allein der „Parental Advisory-Button“ den Inhalt an Gefährlichkeit und Brisanz übertrifft.

Und wenn in den „persönlichen“ Erklärungen zu den Songs unter den Lyrics steht: „The Song Itself Is About Paranoia. Being Afraid Of The Outside World, Convinced That People Can Hear Your Thoughts“ - dann kann man nur sagen: Welche Paranoia? Ich weiß ganz genau, was die Jungs denken: nämlich an Geld, Kinder und die Eigenheimzulage. Halt an Bausparvertrag statt Rock’n’Roll.
(Markus Wiludda, eldoradio)

Anspieltipps

  • Here´s Your Letter #13
  • I Miss You #3
  • Feeling This #1
  • Easy Target #11
  • All Of This #12

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