Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 15/2008

Albumcover

The Black Keys
Attack And Release

Dieser Silberling fährt Kollisionskurs, es prallen Welten aufeinander. Willkommen in der roten Ecke: Produzent Danger Mouse! Willkommen in der blauen Ecke: Ike Turner! Und irgendwie zwischendrin befindet sich „Attack und Release“, das bereits fünfte Alben der zotteligen Rockbrüder The Black Keys.
Dass DJ Danger Mouse ein Bestandteil des Duos von „Gnarls Barkley“ ist, dürfte hinlängliche bekannt sein. Ebenso seine Vorliebe fürs Sampeln. Darf man nun ein Hip-Hop-Album erwarten, das sich die Basis des Blues’ zu eigen macht? Weit gefehlt. Anstatt sich in den Vordergrund zu drängen, hat Danger Mouse sich angenehm im Hintergrund verbarrikadiert und die Band das machen lassen, was sie am Besten kann: Dem Blues eine Stimme geben. Eine Stimme, die sich über dem typischen zwölftaktigen Songschema erhebt und über das Leid und Verlassensein klagt. Ein Hauch von Tragik legt sich dabei wie ein Schatten über das Werk, was ursprüngliche Spröde atmet.
Ursprünglich hatten die Black Keys geplant, das Album zusammen mit Ike Turner aufzunehmen. Ein Urgestein der Rock-Musik, der zusammen mit seiner Frau Tina Turner Hits wie „Proud Mary“ oder „Nutbush City Limits“ produzierte. Nachdem Ike Turner seine Drogenprobleme spazieren fuhr und Grabenkämpfe mit seiner Exfrau ausgetragen hatte, stand er wieder in den Startlöchern - jedoch noch während der Vorbereitungen zum geplanten Album verstarb Ike im Dezember letzten Jahres. Aus dem Material, welches die „Black Keys“ bis dahin aufgenommen hatten, entstand dann „Attack und Release“. So kann man allenfalls erahnen, was aus der Zusammenarbeit der Black Keyes mit Ike Turner geworden wäre. Einige Songs des Albums lassen den Einfluss des Rockgiganten spüren – erdige, schwere Gitarrenriffs schichten sich da auf eindrucksvolle Bassläufe. Der Klang einer typischen Country-Gitarre gerinnt in „Psychotic Girl“ zu einem beängstigend bedrückenden, ja, Furcht einflössenden Kommentar zum Leben eines Teenagers. Als wäre es Emo, der sich auf dem Land entwickelte anstatt in der City. Wie auch die Platte an sich, trotz der treibenden Rockgitarren in „Strange Times“, dem Hörer das Gefühl vermittelt, dass man gerade am Ende eines staubigen Tages im Westen der USA in einer typischen Truckerkneipe sitzt – zu später Stunde mit dem letzten, fast geleerten Whiskyglas. Versumpf, so wie viele der Songs. Manchmal auch im Nirgendwo. Man hört die staubige Leere, wie sie typisch für die amerikanische Rockmusik ist. Es geht um die Urtümlichkeiten des Sounds, das leicht Fahrige der Psychedelik, um Ehrlichkeiten.
Die Black Keys lieben den Dreck und das Rohe, was in ihren Songs Ausdrucksmöglichkeiten findet. Schwer, rumpelig, aber gleichzeitig melodiös. Vielleicht wäre diese Platte mit Ike Turner noch mehr in klassische Retro-Rock-Gefilde abgetaucht, vielleicht wäre sie in ihrer Loyalität zur Tradition gescheitert. Um so erfreulicher, dass sich am typischen Sound der Band gerade oder trotz Danger Mouses Produzentenwirken kaum geändert hat und doch nach und nach die Kleinigkeiten auffällig werden: Die Querflötenintros, die soulig-kehligen Vocals, das Stampfende im Groove.
Trotzdem sind die Black Keys meilenweit entfernt, sich ans aktuelle Popgeschehen anzubiedern. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Der erdige, raue Sound, die ab und an zu hörenden Hintergrundgeräusche - The Black Keyes wollen schmutzig sein in ihren Songs, wollen das glattpolierte Leben der Städte hinter sich lassen und in Waschräumen ihre Demos produzieren. Sie streben nach dem Universellen. Mit einem Album, das mit seinen erdigen Rockgitarren, den Songstrukturen des Blues nichts für jeden ist. Ein Album, was durchaus als Innovationsrezession durchgeht. Ein Album, was sogar mit richtigen Hymnen und Hits geizt. Alles, was es kann ist Schmerz und Wunden alleine in der Ecke zu lecken. Immerhin. (Christian Spließ, CampusFM)

VÖ: 28.03.2008

Band: http://www.theblackkeys.com | Label: http://nonesuch.com/

Anspieltipps

  • Strange Times, Track 3
  • All You Ever Wanted, Track 1
  • Same Old Thing, Track 8
  • Things Ain´t What They Used To Be, Track 11
  • So He Won´t Break, Track 9

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