Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2006

Albumcover

Billy Talent
Billy Talent II

„Du hast ein Leben lang Zeit, dein erstes Album zu machen, und für das zweite nur ein paar Monate. Das wichtigste aber ist, dass du dich nicht in anderer Leute Zeitpläne pressen lässt, und dass du dann an ein neues Album gehst, wenn du dich dafür bereit fühlst.“ Gitarrist Ian D’Sa von Billy Talent.
Ein kluger Spruch aus der Macherperspektive. Klug ist der, der ihn auch beherzigt. Und das haben Billy Talent getan. Deswegen dauerte es ganze drei Jahre, bis nach dem überzeugendem Debüt „Billy Talent“ nun endlich auch die zweite Platte folgt. „Billy Talent II“ steht dem Debüt aber in nichts nach.

Angefangen haben Billy Talent als Pezz. Ein Blick zurück auf die High-School-Tage: Vier Musiker aus Streetsville in Ontario rotten sich zusammen. Was sie damals machen, hat noch nichts mit ihrer heutigen Musik zu tun. Nur das Gefühl – die Leidenschaft an der Musik, die ist geblieben. Selbst konzeptionell haben sich Sänger Benkamin Kowalewicz, Gitarrist und Songwriter-Kopf Ian D’Sa, Bassist Jon Gallant und Schlagzeuger Aaron Solowoniuk bis zu ihrem Debüt Album stark geändert. Waren die Tracks in den Anfangstagen noch locker 8 Minuten lang, ist der längste Song auf dem Debüt nur reichlich 4 Minuten. Aus 8 Minuten guter Musik wurden 4 Minuten krachender, überzeugender Musik.

Fast 10 Jahre verbrachten Billy Talent auf der Bühne. Jeder Club, den sie kriegen konnten, spielten sie auch. Die Musik wurde zur Voll-Freizeit-Beschäftigung, denn nebenbei arbeiten sie alle noch woanders – ob in der Autofabrik, als Finanzberater, als Radioproduzent oder als Animator.
Ihr eigentliches erstes Album entstand 1998, wurde aber nur in einer Stückzahl von 2000 Exemplaren aufgelegt. „Watoosh“ war zwar schnell ausverkauft, aber noch nicht ihr Durchbruch. Irgendwie fehlte da noch was. "Wir haben jahrelang vergeblich versucht, unseren eigenen Sound zu finden. Es fügte sich erst alles zu einem Ganzen zusammen, als wir uns endlich einfach so akzeptiert haben, wie wir nun einmal sind.“ So Kowalewicz über den musikalischen und mentalen Umschwung.
Mehr Kraft, ein bisschen mehr Aggressivität und volle Überzeugung machen die Musik heute aus. Nachdem der Musikstil nun endlich gefunden war, fehlte nur noch ein neuer Name: schnell wurde Billy Talent aus dem Film „Hardcore Logo“ zu ihrem Logo.

Langsam wird es also auch Zeit für ein richtiges erstes Album, auch wenn man sich nicht hetzen lassen will. Mit Gavin Brown im Studio entsteht schließlich 2003 das Debüt. Und damit wurden sie fast schlagartig zu einer der wichtigsten Punkbands.
In der größten Radio-Rock-Show von Toronto werden sie entdeckt und gleich darauf bekommen sie ihren ersten Deal. Ergebnis davon ist die EP „Try Honesty“ und kurz darauf eine ausgiebige Tour durch Nordamerika und einige wichtige Konzerte in Europa. Damit verlieren sie ihr Image einer kleinen Clubband und werden zum bedeutenden Act aus Kanada.

Nun wartete man beinah hibbelig auf das nächste akustische Produkt – das zweite Album. Warum dauerte das so lange? Nach der ausgiebigen Tour im Jahr 2004, auf der sie fast jedes Fleckchen auf der Erde kennen lernten, nahmen sie sich erstmal eine Auszeit: „Wir sind bei unseren Freunden, Familien und vielen Leuten geblieben, die man so um sich braucht. Du brauchst Sachen über die du schreiben kannst. Ein echtes Leben, dass dir Stoff gibt, den du in deinen Songs verarbeitest. Ich werde keine Texte darüber schreiben, wie es ist, wenn man die Highway rauf und runter fährt.“ behauptet Shouter Ben. Tatsächlich, in keinem der Songs geht es um Beinahe-Banalitäten wie das Touren. Ganz im Gegenteil.

„Devil In A Midnight Mass“ behandelt eine Story über einen Priester aus Boston. Dieser sei wegen Kindesmissbrauch angezeigt und schließlich überführt worden. Im Gefängnis sei er dann Opfer einer Gewaltattacke eines Mithäftlings geworden. Billy Talent schaffen es, bei diesem grausigen Thema nicht gleich in Melancholie abzudriften, auch wenn das Thema sehr bewegt: „Über solche Geschichten stolpere ich, und auch wenn es mich nicht persönlich und direkt betrifft, bewegt es mich. Es geht hier nicht um die Kirche, sondern um diesen besonderen Vertrauensbruch zwischen Erwachsenem und Kind. Ich habe keine Antworten, aber wenn ich bestimmte Themen aufgreife, sprechen die Leute vielleicht öffentlich darüber.“ Erklärt Kowalewicz, der diesen Song mit einer unglaublich kräftig gewordenen Stimme darbietet. Durchdringende, tief brummende E-Gitarren, ein treibender Beat machen diesen Song aus. Die vier Jungs geben richtig Gas, vergessen aber nicht die kurzen Ruhemomente.

Unbändige Energie und ein vereinnahmendes Charisma steckt auch in „Fallen Leaves“. Hört man nur auf die aggressiven Gitarrenriffs und die mal schreiende, mal flüsternde Stimme von Benjamin Kowalewicz, könnte man den Inhalt fast überhören – das Drama eines Suchtopfers aus dem engen Freundeskreis. Kein Wunder, sagt Sänger Kowalwicz: Auf „Billy Talent II“ geht es viel um Vertrauen and alles, was damit zu tun hat. Es ist ein bißchen emotionaler und auch persönlicher als das erste. Und dadurch ist es wieder Billy Talent. Es gibt eine ausgewogene Balance zwischen einfachen, harten Brechern und etwas komplexeren Songs, aber es gibt keine zehnminütigen Prog-Jams.“
Lange musste man auf das Album warten – dafür entbehrt es aber der vielen Alben anlastenden Füller. Jeder Song auf dem Album wurde sorgfältig geschrieben, ausgenommen und ausgewählt. Durchaus ein überzeugendes, knackiges und krachendes Gesamtprodukt und ein ehrwürdiger Nachfolger des Debütalbums. (Mandy Schmidt, Radio Triquency)

VÖ: 23.06.2006

Künstler: http://www.billytalent.com | Label: http://www.warnermusic.de

Anspieltipps

  • A Devil In A Midnight Mass, Track 1
  • Red Flag, #2
  • Fallen Leaves, Track 6
  • Burn The Evidence, #13
  • Perfect World, #11

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