Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 02/2012

Albumcover

Big Deal
Lights Out

Welch schamloses Unterfangen ist das Belauschen zweier Personen, die ein intimes Gespräch unter der Bettdecke führen! Ja, man hört die Weisheit immer wieder: Männer und Frauen können einfach nicht 'nur' miteinander befreundet sein: einer von beiden will doch immer mehr. Und dies gilt es zwischen den Beteiligten auszudiskutieren. Im Dunkeln, bei Nacht. Also was genau passiert hier bei Big Deal?

„Lights Out“ heißt das Debut von Kacey Underwood und Alice Costelloe – gerne auch „Grouchy Wonderwall“ und „Alvice Costelloe“ genannt. Ein Londoner Duo, das es genießt zu kokettieren. Costelloe hat gerade das Abitur fertig, Underwood war ihr Gitarrenlehrer, er ist Ende zwanzig. Die Beziehung der beiden changiert irgendwo zwischen heterosexueller Erotik und platonischer Liebe, so zumindest schlägt es sich in den zwölf Liedern nieder, die eine gewisse thematische Stringenz erkennen und ein Konzeptalbum entstehen lassen: Alles spielt sich in der privaten Enklave des Schlafzimmers ab. Dem gemäß klingt auch der Sound: eine typische Low-Fidelity-Produktion, spärlichst instrumentiert mit bloß einer akustischen und einer elektrischen Gitarre. Nun sind es eben diese teils ungereiften Anschläge einer offensichtlichen Anfängerin, die mit schlichten, aber technisch versierten Tonfolgen des Profis zusammen ein spannungsreiches Klangfeld schaffen, auf dem sich der Harmoniegesang zwischen Männlein und Weiblein ganz wunderbar einkuscheln und herausstellen kann. Beim ersten Hören hat dies was von der Naivität eines Antifolks, erinnert an The Moldy Peaches, beim erneuten Hören knarzt und grunged es plötzlich, verzerrt sich, wirkt unfertig und doch trotz allem verwaschenen Noise: lieb.
   
Statt wüster Kritik an den Umständen dreht es sich allein um die zwischenmenschlichen Belange: „You don't trust me to sit on your bed / put me on a chair in the corner instead“ heißt es in „Chair“, in „Cool Like Kurt“ dann „Take me to your bed / don't take me home“. Da gibt es wohl Differenzen darüber, was denn nun ist mit den beiden, entgegengesetzte Erwartungen, die sich weiter durch die Chronologie bohren und zu einem Klagelied werden: „So you let me sleep inside your bed/ I know its hard to find a friend/ [...] all I wanna do is talk/ […] I don't wanna hear about her“ - es gibt also noch eine andere, so vereinnehmend jammert Costelloe zumindest  in „Talk“, was schließlich im emotionalsten Stück mündet „With the world at my feet and the stars in my reach / but you wont be with me.“  Zwei Verse als Vorabboten für einen musikalischen Ausbruch voll Verzweiflung und Verlustangst, zweifellos der Höhepunkt. Was dann noch folgt sind bloß fiebrige Gedanken, bei denen der Hörer nicht mehr zwischen Wach- und Schlafzustand der Protagonisten unterscheiden kann. „I could last forever in your arms/ […] Does it end tonight?“ (Seraphine) Bei Leibe, das wollen wir doch nicht hoffen!
   
Big Deal liefern uns mit "Lights Out" nur ihre roh-verträumte Musik, der Rest der szenische aufgebauten Geschichte verweilt im Dunkeln; eine Aufforderung an die Sinne und die Phantasie des Hörers, Leerstellen, die es zu füllen gilt. Von den beiden Musikern ein bewusst gewähltes Stilmittel, wie Costelloe im Interview mit dem britischen Guardian erklärt: „I remember the first CD I got, I couldn't Google the band and see their MySpace and their Facebook and their Twitter and hear their life story. You had to imagine it, based upon the music. And that's a nice thing, and it's not here any more.“

Freilich handelt es sich um ein durchaus schönes Konzept für dieses eine Album „Lights Out“, das mit Sicherheit bei so einigen ruhigen Stunden auf Gefallen stoßen wird und sich in die momentan sehr angesagte Gitarrenpop-Welle à la Tennis, Veronica Falls oder Dum Dum Girls einreiht. Ein großer Pluspunkt ist – trotz oder gerade wegen der hohen Konkurrenz – der Versuch, Authentizität rüberzubringen, den Hörer direkt ins Geschehen zu holen, ihn die Spannungen nachvollziehen zu lassen. Dass Big Deal jedoch musikalisch und textlich noch reifen dürfen, kann man den beiden dann sogar verzeihen – haben sie doch ganz andere Dinge zu tun. (Frieda Berg, Radio Q)

VÖ: 20.01.2012

Links: Facebook | Label| Soundcloud

Anspieltipps

Cool Like Kurt, #3
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Talk, #6
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Distant Neighborhood, #1
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Seraphine, #11
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Chair, #2
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