Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2007

Albumcover

Biffy Clyro
Puzzle

Das Leben kann so ungerecht sein: Völlig überschätzte Bands, die ohne große Promo letztlich die Halbwertzeit meiner Neujahrsvorsätze aufwiesen, werden zum „nächsten großen Ding“ auserkoren; andere Bands hingegen, die es wirklich mal verdient hätten, den Ruhm zu genießen, den stattdessen der x-te Franz Ferdinand-Klon auskostet, krebsen unverdienter Maßen im Untergrund rum und spielen sich die Finger wund.

Die drei Schotten von Biffy Clyro sind wohl das Paradebeispiel einer solch verkannten Band, denn bislang fristeten die Jungs ein musikalisches Dasein als ewiger Geheimtipp. Zwar gab es bereits die eine oder andere Stimme zu hören, die Biffy Clyro mit dem eigentlich folgenschweren Prädikat „die Zukunft des Rock“ versah, der ganze große Hype blieb allerdings aus. Dabei ließen Simon Neil und die Zwillinge James und Ben Johnston die Musikwelt mit ihrer EP „thekidswhopoptodaywillrocktomorrow“ schon zu Beginn des Millenniums aufhorchen. Und in den Jahren 2002 bis 2004 sprudelte der kreative Output nur so heraus - gleich drei Alben wurden veröffentlicht. Das Debüt „Blackened Sky“ überzeugte durch seinen unkonventionellen Indie-Sound, überzogen von einem Hauch von Emo, ohne dass die Platte gleich in den Einheitsbrei des Genres abdriftete. Mit dem Nachfolger „The Vertigo of Bliss” verirrten sich die drei Herren dann erst mal tief in den dichten und schwer zugänglichen Wäldern des ProgRock, doch selbst eingefleischte Fans wagten sich kaum, dort nach ihnen zu suchen. Und obwohl die Prog-Einflüsse nur mäßige Reaktionen erzielten - trotz aller Kritik hielten die Glasgower an ihnen fest und ergänzten diese um eine ordentliche Portion pop-rockige Eingängigkeit: Die dritte Scheibe „Infinity Lands“ avancierte zum Kritikerliebling.

Seit „Infinity Lands“ sind nun drei Jahre vergangen, das mittlerweile vierte Studioalbum „Puzzle“ nimmt in diesen Tagen seinen Platz im gutsortierten Plattenhandel ein. Aber genug der Vorgeschichte, skandieren Biffy Clyro doch bereits im pathetisch-treibenden Opener „Living Is A Problem Because Everything Dies“: „Don’t want to waste no more time / time’s what we don’t have“. Nicht ohne Grund also wurde die Spielzeit des Vorgängers bei gleichbleibender Songanzahl um zwanzig Minuten reduziert. Aber auch die Stakkatorhythmen und Sing-A-Long-Hooks zu Beginn sprechen eine deutliche Sprache: Die Schotten haben es auf uns abgesehen, wollen uns ohne Umschweife gefangen nehmen und uns geradezu zum Tanzen nötigen. Die direkt anschließende Single „Saturday Superhouse“ - der wohl geradlinigste Song der Band überhaupt - scheint das Vorhaben zu untermauern. Man möchte meinen, „Puzzle“ sei Biffy Clyros Pop-Platte geworden, aber schon werfen die drei Jungs ein subtiles „Who’s Got A Match?“ in die Runde. Alles bisher Gehörte wird in Frage gestellt - wie konnte man sich auch bloß so vorschnell eine Meinung über die neue Biffy Clyro bilden? Klar, Zeilen wie „I’m a fire and i’ll burn burn burn tonight“ winden sich weiterhin ohrwurmmäßig durch’s Gehör und können auch noch mit 2,3 Promille im Blut intoniert werden, aber nach und nach schleichen sich mehr und mehr spielerische Raffinessen ein, die anfangs noch verlässlichen Songstrukturen werden aufgebrochen. Schmachtende Höhenflüge werden ohne Vorwarnung von dreckig-krachenden Gitarrenriffs niedergemetzelt, um den Weg für die kanonartige Nachhut zu ebenen („Now I’m Everyone“). Brachiale, undurchdringlich anmutende Klangwälle werden immer wieder von sinnlichen Modulationen unterwandert („The Conversation Is...“).

Es ist ein perfides Spiel, das Biffy Clyro ausgeheckt haben: Selbst wenn wir uns sich auf das Unerwartete einlassen, sind wir auf der falschen Seite; dann bleiben die Tempo- und Dynamikwechsel einfach mal aus, und die Glasgower powern vier Minuten am Stück durch („Semi-Mental“). Die Unbeständigkeit ist der rote Faden, an dem sich „Puzzle“ entlang hangelt. Und das meist mit beeindruckender Leichtigkeit. Das Zusammenspiel der schier unerschöpflichen Ideen gipfelt im Song „Get Fucked Stud“, der dann fünf, sechs konträre Musikstile zu einem homogenen, perfekt funktionierenden Ganzen vereint. Die letzten drei Tracks fallen dann, je nach Belieben, in die Kategorien „ganz nett“ bzw. „unter ferner liefen“. Doch eines muss man Biffy Clyro lassen: Abturnend-schnöden College Rock á la „Folding Stars“ hatte man wirklich nicht erwartet – aber irgendwie passt’s. (Patrick Torma, DuE)

VÖ 01.06.2007

Band: http://www.biffyclyro.com | Label: http://www.14thfloorrecords.com

Anspieltipps

  • Saturday Superhouse, Nr. 2
  • The Conversation Is.., Nr. 6
  • Living Is A Problem Because Everything Dies, Nr.1
  • Semi-Mental, Nr. 8
  • Now I´m Everyone, Nr. 7

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