Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2009

Albumcover

Bibio
Ambivalence Avenue

Parole: Let´s get heavily funky everyone! Schließlich braucht der Sommer neben Rucola-Salaten und Putenbrust-Aufschnitt auch leichte musikalische Kost. Songs, die nicht beschwerend wirken – und davon hat „Ambivalence Avenue" von Bibio aka Stephen Wilkinson genug (er hat jedoch nichts mit den Rasieren zu tun, ob gleich sein Sinn für Musik gleichsam scharfsinnig ist). Es ist außerdem der Beweis, das von der Insel, er ist Engländer, nicht nur MKS, Hooligans und schreckliches Essen kommen sondern weiterhin fantastische Musik, die in diesem Fall sowohl eigenartig, ausbalanciert und doch zerrissen ist.

Zunächst trödelt „Ambivalence Avenue“ mit dem Titelsong vorweg, streift orientalische Klänge und sorgt zugleich für einen angenehmen Touch von Beat und Elektronik, der zugleich post-modern funky und doch sehr geerdet daherkommt. Eine wunderbare Sache um bei geilem Wetter richtig aufzudrehen und, wenn man kein Reggae hören will, hierbei richtig abzutanzen. Wobei die Aufdringlichkeit eigentlich eher Richtung José González tendiert und jederzeit dezenten Charakter hat.

Das Album vollzieht danach einen krassen Richtungswechsel in die Hip-Hop-Richtung. „Fire Ant“ hat die nostalgische Abgeklärtheit eines Dillas, 9th Wonders oder Onras und lässt Bibios Gespür für die Rohinstrumentale erkennen – ein cooler abgehackter Beat mit dickem sanftem Bass, und stotternden Drums, die den Track zusammen halten und gleichzeitig doch irgendwie zerreißen. Passt eben zum Albumtitel „Ambivalence Avenue. Das Album ist voll mit mit solchen Beatskizzen und Songfragmenten, die aber viel mehr in die Songwriter-Richtung schielen als es jetzt vielleicht den Anschein macht. „Haikueske (When She Laughs“ und „Sugarette“ sehen sich nach Ausgeglichenheit, sind fast sphärischer Art. Diese beiden Songs ziehen einen mit ihren Elektroeinflüssen in eine ganz andere Welt. Fast schon dubstep-artig zerfranst kommt der Track „Sugarette“ daher und will einen gar nicht mehr loslassen mit seinen zerdehnten Vocals, die so abseitig klingen, dass es fast kein Wunder ist, dass späterhin im Song noch 8-Bit-Samples ins Weltall telefonieren wollen. Hat Bibio da eine Nacht lang Super Mario auf dem Gameboy durchgezockt?

Bei allem Wirrwarr zwischen Hippieness, kruden Hi-Hats, atmoshärischem Leerlauf und sonnenverbrannten Miniaturen sind es die ruhigeren Klänge, die sich hier wie ein roter Faden von Anfang bis Ende spinnen. Nicht immer mit entsprechender Eingängigkeit oder überzeugenden Spannungsbögen, jedoch immer mit der gewissen Aufbruchstimmung, die sowohl Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein Album packen will. Dabei ist der Ansatz der Müßigkeit, der hier gepflegt wird, durchaus eine nicht zu verachtende Option.

Angekommen beim elften Tracks des Albums , sind wir auch schon am Ende, bzw. auf einer neuen Reise, über dessen Ende wir uns noch nichts denken können. Hier sind wir nun. „Dwrcan“ bietet den perfekten Gipfelpunkt des Albums in pointierter Form. Es wird richtig monumental à la Pink Lloyd. Der Track hat fast 6 Minuten Zeit, nochmal das gesamte mögliche Spektrum an abgefahrenen Sounds auszupacken. Hierbei bleibt der Track komischer Weise außerordentlich einheitlich, was nun gar nicht das Markenzeichen dieser Platte darstellt. Entsprechend ist auch eine Pause nach dem Genuss dieses Albums empfohlen, denn so eine Reise wie mit diesem Album dauert seine Zeit und die sollte man sich dafür auch nehmen, um nicht zu viele Eindrücke im Kopf zu einem undurchsichtigen, homogenen Brei verkommen zu lassen. Eher sollte es zu einer Art Kaleidoskop werden, in dem man jede einzelne Facette glasklar erkennen kann. (pb/q)

VÖ 03.07.2009

Künstler: http://www.myspace.com/mrbibio | Label: http://www.warp.net

Anspieltipps

  • Ambivalence Avenue #01
  • Fire Ants #04
  • Haikuesque (When She Laughs) #05
  • The Palm Of Your Wave #10
  • Jealous Of Roses #02

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