Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2012

Albumcover

Benjamin Damage & Doc Daneeka
They ! Live

Irgendwann Ende der Neunziger Jahre, im Mittelstufen-Englisch-Kurs des Gymnasium, feierte „Liz“, eine durchschnittliche englische Teenagerin, ihr Debüt auf der Lehrbuch-Kasette: in  unnatürlich langsamen Englisch gestand sie uns, dass sie gerne Tennis spiele, dass sie Pferde möge und dass sie in den Sommerferien in die walisische Stadt Swansea reise. Dezent vermittelte sie uns außerdem den korrekten Gebrauch des englischen Futur II. Wäre Liz ein wenig cooler und würde heute nach Swansea reisen: nun ja, womöglich würde sie dort Benjamin Damage und Doc Daneeka über den Weg laufen, die sich mit ihrem irgendwo zwischen Techno, Dubstep und House anzusiedelnden Debüt-Album „They! Live“ für unseren fünften Silberling der Woche 2012 verantwortlich zeichnen.

Die beiden stammen aus der besagten walisischen Küstenstadt und landeten bereits letztes Jahr mit ihrem Track „Creeper“ einen Achtungserfolg in den Clubs. Den schickten sie nämlich am Silvestertag 2010 an die beiden Berliner von Modeselektor, die „Creeper“ noch am selben Abend während ihres DJ-Sets in San Francisco ins Programm spielten. Am Tag darauf signten sie Benjamin Damage & Doc Daneeka für ihr Label 50 Weapons. Beide hatten vorher schon durch ein paar allein veröffentlichte EPs einige Bekanntheit erlangt; nun nahmen sie ihr gemeinsames Debütalbum im Modeselektor-Studio in Berlin auf, wohin sie extra eingeflogen wurden. Zwischen Ende August und Anfang November 2011 entstand so ihr Erstling „They! Live“, der durch eine elegante Melange aus sehnsuchtsvollen Downtempo-Tracks und berlintypischen Club-Krachern besticht, ohne jedoch jemals zusammengewürfelt oder wirr zu klingen. Ein Sound, der sehr vom Flair der deutschen Hauptstadt inspiriert scheint.

Als stimmliche Verstärkung haben sich die beiden noch die Waliser Sängerin Abigail Wyles dazu geholt, die einige der Albumtracks durch ihren eleganten, aber zurückhaltenden Gesang zu Popsongs veredelt. So mutet „No One“, der Opener des Albums, durch die heruntergepitchte Stimme von Wyles, fast wie eine unveröffentlichtes Stück des Dubstep-Wunderkindes James  Blake an. „Charlottenburg“, der heimliche Vorzeigetrack des Albums, klingt durch Wyles' Vocalfetzen derart emotional, dass er auch Tage nach dem Hören nicht aus dem Kopf verschwinden möchte. Und das ist auch gut so. Gleichzeitig knüpft dieser Song ironischerweise wie kein zweiter an die junge UK-Avantgarde um Joy Orbison, Pearson Sound und den ebenfalls aus Wales stammenden Koreless an, deren innovativer Stil oftmals nur noch mit Adektivkomposita unter Zuhilfenahme von „Future-“, „Post-“ oder „Neo-“ beschrieben werden kann.

„Creeper“, der Druchbruchstrack, ist mit dem obligatorischen Sirenengeheul natürlich auch mit von der Partie, geht jedoch inmitten der ausgefeilteren und reduzierteren Stücke fast ein wenig unter. Kein Wunder jedoch, dass Modeselektor auf diesen Track so abgefahren sind - schließlich könnte der technoide, mit leierndem Synthie-Thema ausgestattete Techno-Track genauso gut aus ihrem Computer stammen. Spannender noch als „Creeper“ erweist sich aber der vorhergehende Track „Deaf Siren“, wobei man sich vom Titel nicht täuschen lassen sollte: gesungen wird hier nicht. Stattdessen begrüßen uns gepitchte und bis zur Unkenntlichkeitgecuttete Vocal-Samples, Hi-Hat-Kaskaden und French-House-Filter-Übergänge, die jedoch nirgendwo hin zu führen scheinen: Nicht nur hier changiert das Album geschickt zwischen Bedrohlichkeit und Wärme, zwischen Dunkel und Licht und schafft somit manchmal eine ganz eigene Atmosphäre, die sich weder dem Club noch der Afterhour zuordnen lässt.

Die offenkundige Idee, eine Vielzahl schon fast gegensätzlicher Elektro-Genres wie Garage, Dubstep, Techno und House auf einem Album (und teilweise sogar in einem Song) vereinen zu wollen, gelingt Damage und Daneeka fast ausnehmend. Zwischen dem zurückgenommenen Elektronik-Juwel „Halo“ mit dem brüchig-sehnsüchtigen Gesang Abigail Wyles und dem direkt
darauffolgenden technolastigen „Juggernaut“ nach bester Berliner Manier entsteht kein spürbarer Bruch, der berühmte rote Faden bleibt über weite Strecken erkennbar.

Leider findet sich auf der Veröffentlichung auch der ein oder andere schwächere Track: „Battleships“ ist da so ein Kandidat: Der technisch brillante, introvertierte Gesang von Wyles kann nicht verhindern, dass das Stück ein wenig kopf- und strukturlos vor sich hin plätschert. Die beiden Produzenten haben sich vermutlich keinen Gefallen damit getan, es direkt an zweiter Stelle
auf dem Album laufen zu lassen, zumal der Marschrhythmus in einem Stück, das „Battleships“ heißt, etwas platt daherkommt.

Die Frage, was „They! Live“ für ein Album hätte werden können, wenn sich die Produzenten auf einen Stil beschränkt hätten, drängt sich natürlich auf. Beide, Benjamin Damage und auch Doc Daneeka, klingen auf ihren vorherigen Solo- Veröffentlichungen konsequenter. Vielleicht ist es der für beide ungewohnten Team-Situation geschuldet, dass wir „They! Live“ als ein zurückgenommenes, handwerklich gut gemachtes, eklektizistisches Debüt erleben, mit dem es gelungen ist, einige der momentan relevanten elektronischen Genres auf Mikro- und Makroebene zu vereinen. Ein musikalischer Quantensprung ist „They! Live“ nicht, auch und vielleicht gerade wegen ihrer zu großen Kompromissbereitschaft. Möglicherweise wird das Album aber gerade auch solche Hörer ansprechen, die sich bis jetzt nicht so sehr für elektronische Musik interessiert haben. Und vielleicht würde es ja gerade deshalb auch Liz aus dem Englisch-Buch gefallen. (Nils Demetry, CampusFM)

 

Anspieltipps

Creeper, #4
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No One, #1
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Charlottenburg, #5
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Halo, #6
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Deaf Siren, #3
Link:

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