Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2006

Albumcover

Beirut
Gulag Orkestar

Da muss erst ein Jungspund aus New Mexico kommen, um uns zu beweisen, dass die Jahrhunderte alten Klänge aus Puszta und Balkan mit ihrem nostalgischen Flair von darbender Armut und emotionalem Sentiment, mit ihrer tiefen Spiritualität und einer Unzahl von überlieferten Volksmusikweisen sich alles andere als unpassend in den großen, leicht angestaubten Rahmen der populären Musikkultur einfügen lassen. Zach Condon ist gerade einmal volljährig nach europäischen Maßstäben, als er das College für beendet erklärt und seinen eigenen Wurzeln nachspürt – auf einer musikalischen Route quer durch Russland, den Balkan, Deutschland und Italien. Alles wurde aufgesogen und eingepackt. Der Sound hatte Zach gefunden. Und so verklappte er Wodka, Pálinka und Zljivovica den Rachen herunter, musizierte mit jüdischen Klezmern und alten mundfaulen Männern mit gegerbten Gesichtern, strich durch ostdeutsche Landschaften und durch Berliner Hinterhöfe, tanzte Paprika-Polka und rief den wilden, Kasatschok tanzenden Kosaken in sich wach.

Und all die verbleichenden Skizzen, die Polaroids im Kopf, das Gelernte aus dem Herumprobieren mit Ukulele, Klarinette, Mandoline, Trompete waren die multiinstrumentale Ausrüstung für die späteren Aufnahmen im Heimstudio, die er größtenteils alleine einspielte. Das Treibgut musikalischer Erinnerung. Besonders der klangliche Muff, die schmachtend-larmoyanten Selbstbemitleidung der südosteuropäischen Folklore wuchs in seiner Erinnerung über sich hinaus. Für ihn war es eine Notwendigkeit, die Vertrautheit schnell wegzuwerfen und geschickt durch glühenden Enthusiasmus von Balalaika-Orchestern, durch eher abseitige Klänge zu ersetzen. Beirut ist Zach Condons globales Dorf, sein musikalischer Melting-Pot. Logische Folge aus dieser ganz eigenen musikalischen Verrenkung ist, dass die Kaufentscheidung über diese Platte wohl binnen weniger Sekunden erfolgt sein dürfte.

Seine musikkulturelle Freiheit erhebt dabei nicht den Anspruch von Authentizität, was zur Folge hat, dass neben all den Klischees wie cineastischen Bildern von ekstatisch tanzenden Volksgruppen und schunkelnden Bauerndörfern in trachtiger Kostümierung erbauenderweise noch großräumig Platz für Indie, Blues und Pop gelassen hat. Ob das ehemalige Neutral Milk Hotel-Mitglied Jeremy Barnes am Schlagzeug da wohlweisliche Ratschläge gegeben hat? Fest steht: Die Impulse kommen von überall und erschaffen eine imaginäre Szenerie, in der es von triefenden Seelen und ungebändigtem Temperament nur so schäumt. Der Opener „The Gulag Orkestar“ ist ein archaischer, verwaschener Bastard, der mit betäubender Schwermut den Reigen der Eigenheit eröffnet. Die verbeulten Trompeten der Zuckerhymne “Postcards From Italy” ab Minute drei oder die verschrammelten, am Leben zerbrochenen Ukulelen-Akkorde ab Minute 3:56 sind mit ihrer leichfüßigen Ergriffenheit Paradebeispiele für das sinnliche Erleben, was „Gulag Orkestar“ ermöglicht: Die spezielle Melodik, die Brücken zwischen einem, in seiner Begeisterungsfähigkeit nahe am Gospel tickenden Soul und einer innewohnenden Melancholie schlägt. Immer gepaart mit schmissigen, teilweise computergenerierten Rhythmen, Schmachtfetzen und der dunkelbrüchigen Stimme Zach Condons. Das Schellenkranz-Schlagwerk von „Mount Wroclai (Idle Days)“, die wilden Fanfaren - das älteste Instrumentengerümpel war gerade alt genug. Fast spirituell sind einige Kompositionen bis zum Ende, durchsetzt von Umschwüngen und abseits abgetretener Poppfade. Eine Lieblichkeit, die den Staub aus dem Balkan-Folk-Genre klopft. Spätestens, wenn sie sich zum Abschluss bei „After The Curtain“ selbst mit Standing Ovations beklatscht. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 10 November 2006

Band: http://www.beirutband.com | Label: http://4ad.com

Anspieltipps

  • Postcards From Italy, #4
  • Brandenburg, #3
  • Mount Wroclai (Idle Days), #5
  • The Gulag Orkestar, #1
  • After The Curtain, #11

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