Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 33/2010

Albumcover

Baths
Cerulean

 

Es ist wie bei Knight Rider: Ein Mann und seine Maschine.Will Wiesenfeld ergründet das Innere seines Laptops und bringt ihn dazu, Beats herauszurattern, über die er selbst dann mit verwaschenem Hall singt. Beatmacher-Pop nennt man sowas, wenn man einen Namen dafür braucht, diese Mischung aus Elektro, Songskizzen und HipHop-Beats zu beschreiben. Überhaupt haben die Beschreibungen ein jähes Ende, denn was der unscheinbare Typ mit dem riesengroßen Backenbart aus Chatsworth, Kalifornien da so anstellt, ist stringent, konfus, wiedersprüchlich und hochkompliziert zugleich. Aufschlüsseln lässt es sich aber dann doch: Will Wiesenfeld wurde von keinem geringeren als Daedelus, bekannt als Instrumental-Hip-Hopper, in das Anticon-Lager gezerrt und zum Debütalbum überredet. Auch die California-Kollegen Flying Lotus, Gaslamp Killah und Nosaj Thing hinterließen ihre Spuren - neben der schizophrenen Affinität für Hip-Hop und Electronica spürt man bei jedem der zwölf Songs gleichzeitig die sonnige Atmosphäre Kaliforniens, als auch die innere melancholische Zerrissenheit des Künstlers deutlich. „Cerulean“ ist ein Crossover-Seelenportrait, das Will Wiesenfeld mit der ganzen Welt teilen möchte. Ein natürliches Produkt des lokalen Kontextes. 
 
Der erste Eindruck ist unspektakulär und das beschränkt sich nicht nur auf die Musik. Aussehen, Internetpräsenz und alles was sich im Zusammenhang mit dem Namen Baths finden lässt, wirkt minimalistisch und karg. Der Schein trügt, aber um zum Kern vorzustoßen muss man sich schon ein wenig Mühe geben und das einmalige Hören reicht bei weitem nicht aus um den Facettenreichtum in all seinen Dimensionen zu begreifen. Nachdem man sich einmal von den Fesseln der Oberflächlichkeit gelöst hat beginnt das wahre und einzigartige Vergnügen mit „Cerulean“: Ausgelassene, experimentierfreudige Verspieltheit trifft auf verbissene Melancholie untermalt von gebührend fusionierenden, umherspringenden und unausgeglichenen Beats, bei denen sich manch ein Hip-Hopper bestimmt nur zu gern bedienen würde, denn ein solches Spektrum ist auch auf den Alben der Großen eher selten zu finden.
 
„Cerulean“, sinngemäß übersetzt soviel wie „himmelblau“, strotzt vor Kreativität und die Assoziation mit dem Thema Wasser ist omnipräsent. Ein behäbiges Plätschern wie in „Heart“, ein rascheres Fließen wie in „Maximalist“ und auch die Titel einzelner Stücke erlauben die Vermutung das Wasser das Lieblingselement von Will Wiesenfeld ist („Rain Smell“). In logischem Kausalzusammenhang wird aus Wasser Leben. In diesem organischem Soundkreislauf ist es gleichermaßen die Lebendigkeit („Bloodflow“ und „Heart“) die so charakteristisch ist und von den verwirrenden Soundsamples und plötzlich auftretenden Wendungen getragen wird. In Hall ertönt beispielsweise anfangs das Geräusch, dass man beim bedienen der Kassettenrekorder-Reverse-Taste vernimmt und in immer wiederkehrenden Intervallen den Song dominiert. Sound-Libertin Wiesenfeld schafft es aber ganz unverhohlen aus verstümmelten Bandsalat und Chaos Harmonie pur zur erschaffen, zu der letztendlich Pianoklänge ihren maßgeblichen Beitrag leisten. Ähnlich verhält es sich mit „You´re My Excuse To Travel“, bei dem aus dem anfänglich verstimmten Klavier einer der schönsten Songs des Albums wächst. Der Hallraum der zerdehnten Stimme klingt dabei wie die Gesamtheit eines etwas unentschlossenen Chores. 
 

Diese Unentschlossenheit, besser: Offenheit, ist das große Glück der Platte, die sich zwischen ätherischem Pop, ausgeruhtem Chillwave, glucksenden Beats und stotternder Elektronik nicht entscheiden kann und es auch nicht muss. Einzig die künstlich übersteuerten Bässe und Vocals in „Departure“ sind zuviel des Zeitgeistes. Die Übersteuerung mag zwar gerade besonders angesagt sein (man höre Künstler wie Gonjasufi, Salem, How To Dress Well, Sleigh Bells) und referiert auf den digitalen Entstehungsprozess, zerstört aber die Dateien und bringt an diesen Stellen keinen Mehrwert. Will Wiesenfeld beeindruckt vielmehr mit einer Fusion aus Enthusiasmus, Melancholie und Abwechslung. Denn in der Adaption der Möglichkeiten entstand mit „Cerulean“ ein Beatmacher-Album, das zugänglicher ist als es vielleicht zunächst den Anschein hat und geschickt viele bunte Fäden zu einem eigenen Knäuel verspinnt. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

 

 

VÖ: 06.08.2010

Links: Baths | Anticon

Anspieltipps

# 3 Maximalist
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# 8 You´re My Excuse To Travel
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# 1 Apologetic Shoulder Blades
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# 7 Hall
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# 10 Indoorsy
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